Cecil Taylor meets Das Schweinesystem

Und wieder ein Toter. Obwohl wir den Tod vor zwei Wochen mit einem hartgesottenen Text an dieser Stelle zu bannen versucht haben. So ein Ärger aber auch. Noch sind wir offenbar nicht soweit, noch können wir auf zwei, drei Dinge keinen Einfluß nehmen. Das darf bedauern, wer will.  Wir halten uns, dies unsere Bestimmung seit jeher, an die Fakten. Denn anders als die Tränen und damit Michael Holm, lügen Fakten nicht. Cecil Taylor ist demnach nach wie vor tot.  Obwohl er uns an Unberechenbarkeit ein Beispiel war, auf ihn sollte die Zeile unterhalb dieses Blognamens verweisen, und deshalb gar nicht sehr verwunderlich wäre, wenn er sich vom Totenbett erheben und uns noch einmal, ein letztes Mal, tüchtig erschrecken würde. Mit einem simplen Buh! oder mit einem seiner impulsgesteuerten Läufe auf der Klaviatur, die nie ausreichend lang war, um all das unterzubringen, was er zu sagen hatte, einem jener Läufe, die alle, ich lüge nicht, tatsächlich alle Facetten des Lebens darlegten. Das wird leider nicht passieren. Es bleibt uns nur Erinnerung und Schall und Rauch. Vor allem der gut erinnerbare massive, wenngleich disparate Schall, denn der war bei Taylor von umfassender körperlich-seelischer Wirkung. Ließ man nur ein bißchen locker, ließ sich ein, machte der Schall einen alle. Meistens auf die gute Art alle. Fegte einen aus. Wie kein Besen, nicht mal der von der Kleinen Hexe, deren Verfilmung ein Erfolg zu sein scheint und der man es, u.a. weil Ottfried Preußler, der Filmvorlagengeber, ein zuverlässig netter und zudem imaginativer Onkel war,  gönnen würde, jedenfalls: wie es gar kein Besen es je vermag. Taylor gegenüber wurde man im besten Fall zur Hülle ohne Inhalt. Sowas wie ein ursprüngliches Gefäß wurde man gar, das für jede Schandtat aufnahmebereit war, rein und willig. „Cecil Taylor meets Das Schweinesystem“ weiterlesen

Schuppdiwupp? Holterdiepolter? Beides?

Das Leben ist eine Mischkalkulation. Das meint zumindest der Sinnspruch auf einer Postkarte, die an der Säule eines Clubs klebt, während auf der Bühne eine Buddhistin von Sonne und Mond und Schmetterling zu Vibraphonklängen sang. Der sollte man mit Kalkulation lieber nicht kommen. Nicht dass es gleich eine setzt, aber ein Buddhist – und sogar eine Buddhistin – kalkuliert nicht. Die Welt, vom Universum niemals abkoppelbar, ist für die Anhänger des Buddha seit jeher da und deren Drehbewegung gleichförmig für immer. Man häuft  allerdings als Jünger dieser Religionsgemeinschaft Karma an, um im nächsten Leben gut dazustehen; das kann wiederum bösmeinenden Kleingeistern als Kalkulation erscheinen. Ein Buddha ist dann doch vielleicht nur ein selbstsedierter Mensch aus Knochen und Wasser, der sich mit besseren Aussichten zu beschenken nicht ganz und gar versäumt. Die Schwierigkeit mit Das Leben ist– sowie verwandten Sinnverweisen dürfte sein: Sie klingen fürs Erste einprägsam, doch keiner weiß was im Grunde. Keiner weiß, was das Leben ist, das vor allem. Keiner zumindest, den man gleich und vor Ort dazu befragen könnte und der eine nachvollziehbare Antwort schwuppdiwupp! parat hat.  Das Leben ist ein Rätsel; das wäre noch eine akzeptable Variante aus der eben erwähnten Sinnspruchserie. Klingt aber natürlich nicht gut genug, macht sich nicht besonders auf dem Banner, man hat es sich schließlich circa tausendmal im Lebensverlauf selbst vorgesagt. Dass das Leben aber ein Gemisch ist, ein wenig durchschaubarer Mix zudem, das ist nichts Neues, sofern die Erfahrung nicht täuscht. Mix geht, Kalkulation aber nicht, soll das jetzt die Konklusion sein? Für diesmal gibt es keine Konklusionen. Konklusion ist das Kuscheltier vom Armleuchter nebenan; könnte ein Bannerspruch aus der Werbelounge sein, wo ich einst beschäftigt war und, um in den feinporigen Werbejargon minimal zu verfallen, happy. Sieht man die Woche vom atombetriebenen Mixer aus, könnte man diese Gemengelage anrichten: Die Bayern haben schwach gespielt und doch gewonnen, Liverpool hingegen stark gespielt und City hoch und zu null „Schuppdiwupp? Holterdiepolter? Beides?“ weiterlesen

Cecil Taylor ist tot

Cecil Taylor ist tot

Hier ein Link zu dem Nachruf von Ben Ratliff in der New York Times.
https://www.nytimes.com/2018/04/06/obituaries/cecil-taylor-dead.html
Die Washington Post schreibt dies: https://www.washingtonpost.com/local/obituaries/cecil-taylor-pianist-who-was-the-eternal-outer-curve-of-the-avant-garde-dies-at-89/2018/04/06/f2599246-39a8-11e8-8fd2-49fe3c675a89_story.html?utm_term=.bd0454d9ebd5
Die Village Voice schrieb dies: https ://www.villagevoice.com/2012/05/09/saluting-pianist-cecil-taylor/
Nate Chinen sagt:https://www.npr.org/sections/therecord/2018/04/06/600189706/jazz-freed-on-cecil-taylors-expansive-brilliance

Bitte Cecil Taylors Musik hören.
Schau Euch das Video vom Münchner Klaviersommer 1984 an; an dieser Stelle zum Beispiel: http://www.deutschlandfunkkultur.de/avantgarde-pianist-cecil-taylor-gestorben-ein-absoluter.2177.de.html?dram:article_id=414977
Alles ist in seiner Musik drin. Mehr geht fast nicht.
Er möge in Frieden ruhen.

Postskriptum
Mit Cecil Taylor habe ich im Sommer 2011 einen Tag verbracht. Nachdem er eine Konzertreihe im Downtown-Club Le Poisson Rouge, zu der ich angereist bin, kurzfristig abgesagt hat. Ich wollte ihn zur Rede stellen. Nein, das ist zu hoch gegriffen. Ich wollte wissen, ob es ihm gut geht; und lauert ihm, nun, auf.
Er war zweifellos eigen, das war sofort klar, aber nicht ungut eigen. Jedenfalls mir gegenüber nicht. Redselig; auf den ersten Blick leicht ungeordnet, auf den zweiten schien sein Improvisationstalent, das Auffächern menschlicher Gegebenheiten innerhalb eines Stücks, vehement durch. Die Wucht wie deren Rückzug in einem Atemzug fast.
Unvergessen: Er: eine Plastiktüte in der Hand, voll mit den undurchschaubaren Gedichten;  vor seinem Haus in Fort Greene/Brooklyn war das; offenbar nach einer Nacht an seinem Yamaha-Flügel, vielmehr an dessen vor Spielwucht abgeschabter Tastatur. Großflächiges, scheinbar im Windkanal entworfenes Brillengestell; pastellfarbenes Hemd; elegante Sneaker; die die Hosenbeine einer Bluejeans einmal zweifingerbreit umgeschlagen. Irrational, aber für einen Jünger doch sehr nachvollziehbar– ab Sommer 2011 trage ich die Jeans gern eben so. Die Taxifahrt über den East River zuerst, er erklärte dabei die Architektur, die ihn, nur unter vielem, zeitlebens beschäftigte. In Greenwich Village auf der Suche nach einem Lokal fürs Abendessen dann, dabei war es 10 Uhr vormittags. Aber die Zeit: für einen Taylor ein vager Begriff, dehnbar nach allen Seiten; nach einer Nacht am Flügel sowieso. Unvergessen: Die geteilte Lektüre der New York Times in einem Deli, er mit dem Sportteil; da gab er einen Shake und ein belegtes Bagel aus. Sein Einkauf am Stand eines fliehenden Obsthändlers noch; die Grapefruit teilte er daheim erst, bevor er die Hälften viertelte. So bot er sie einem an: Nicht nur in Afrika ißt man sie so, auch hier unter Afroamerikanern. Endlich; er spielte am Yamaha, die wilden, nur durch ihn entzifferbaren Notate vor sich, ein Solo, das anstieg und fiel, fiel und abhob; zuvor, die Notenwildnis eingehend betrachtend, kicherte er, amüsiert von eigenen Einfällen. Die Wohnung: eine Rumpelkammer, improvisiert und heimelig-plüschig zugleich; eine Art Altar für den langjährigen Weggefährten Jimmy Lyons, die Hifi-Anlage angestaubt, vermutlich seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Wozu auch? Er machte doch Musik, die ihm liebste Musik, selber.
Seine innere Spannung, die garantiert aus seiner spannungsgeladenen Biografie resultierte, entlud sich vorwiegend in der masslosen Musik. Jener mit weit verzweigten Strukturen; undurchschaubar, unerklärbar im Endeffekt, sowohl von Wissenschaft wie Mitmensch, ganz wie es sich für einen gravierenden Musiker ohne Vorbehalte gehört. Unvergessen: Die Umarmung an der Tür. Ein zarter, allzeit geladener Mann, der was wußte.
Mir hat er beigebracht, auf allzu geschlossene Systeme zu pfeiffen. Es offen zu halten. Es dicht zu halten. Wagemütig zu sein. Keine Kompromisse. Sich treu bleiben. Das Wesen offenbaren. Taylors Lebenslauf machte Mut. U.a. weil er besagte, dass sich Substanz doch durchsetzen kann. Auch wenn es Jahre oder Jahrzehnte dauern mag. Es braucht Zeit, doch Substanz setzt sich letztlich durch. Ein Trost zweifelsohne.
Er war die Vorhut.
Wir folgen.

 

Das Sein: eine Melange

Substanz muss her. Zu viel heiße Luft um uns. Zu viele Leute drumrum, die laufend erzählen, aber nichts von Dauer sagen. Wir brauchen aber am Karfreitag dringend den Trost von, eben: Substanz. Also: Keine Zeit verlieren, das Leben wird kürzer, wir brauchen sie jetzt und hier.  Es gilt nämlich die wichtigen Fragen zu klären, das letztgültige Wiesoweshalbwarum dingfest zu machen. Kein Ort scheint geeigneter dafür als das Kaffeehaus. Weil: Der Kaffee, allemal so mittelprächtiger wie er in den Kaffeehäusern serviert wird, holt das Best of der Aggressionen aus dem gemeinen Menschen heraus, stellt ihn bloß und somit in voller Gestalt auf. Diese Ausage ungefähr trafen vor kurzem nordkoreanische Wissenschaftler aus der Provinz, das Nomen kein Omen?, Cha Bum-kun – in der südwestlichen Mongolei, wo sich die Steppe unmerklich weitet, exakt dort, bedeutet Cha Bum-kun, allerdings mit einem Apostroph mitten im kun:  Brühe ohne Wert – in einer international vielbeachteten Studie; die Koreaner selbst: selbstverständlich keine Kaffeetrinker, sonst hätten sie ja keinen unverfälschten Blick auf ihr Untersuchungsobjekt. Kaffee, wenn auch eindeutig mit aggressiver Haltung unterlegt, verschaffe Durchsicht, Klarheit der Sinne, erläutere mitunter gar den Grund unserer Existenz, so die Wissenschaftler; der Haken: nur in circa den ersten zwanzig Sekunden nach der Einnahme. Die untersuchten Personen, 3600 an der Zahl und vorwiegend Deutsche sowie Österreicher, zeigten eine starke Konfrontation der Gehirnströme, die bislang nicht für möglich gehalten worden war, und zwar zwischen Hirnregionen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben. Die Hälfte dieser Personen „Das Sein: eine Melange“ weiterlesen

Der Tod ist da

Achim Bergmann ist gestorben. Anfang des Monats bereits, doch trauern kann man ja länger als bis vorgestern. Zur Beerdigung ist sogar Winfried Kretschmann erschienen, der Ministerpräsident und Freund des Verstorbenen,  der Bergmann völlig angemessen der Querdenker-Kategorie zurechnete – und illusionslos sowie pointensicher hinzufügte: „Nicht wie heute. Heute ist einer schon Querdenker, wenn er überhaupt denkt.“ Dann sagte er noch, hübsch Theo W. Adorno auf den Kopf stellend: „Für Achim lagen im Falschen auch Momente des Richtigen.“ Im Nachruf seitens der Pressestelle des von Bergmann geleiteten Plattenlabels hieß es über Achim Bergmann wiederum: „Bayerischer Anarchist und das Herz des Trikont-Verlages“.  Und das mag auch stimmen. Mag stimmen, oder nicht ganz. Denn vielleicht war Bergmann ein Anarchist, für mich aber nicht unbedingt. Weil: Seit wann sind Anarchisten für Ideale oder gar Utopien zu haben? Jetzt sollte ich nicht so tun, als hätte ich Achim Bergmann gut gekannt, aber er war für mich einer – in  Zeiten der Biegsamkeit nach allen Seiten besonders auffällig – der vermutlich Letzten des Idealhabenfachs.  Sozialisiert in den Endsechzigern, von Veränderungswillen in umfassender Hinsicht wohl getrieben,  humane Relevanz stets vor Augen, mit großem Herzen für die niederen Ränge des Menschheitsgeschlechts versehen – wer will da derzeit oder überhaupt mithalten. Ich traf Achim Bergmann nur zwei Mal, die Begegnungen reichten aber aus, um Tiefenwirkung hervorzurufen. Endlich einer mit Rückgrat, dachte ich mir da unter anderem, endlich einer, der sich für eine umfassendere Sache als das eigene Wohlbefinden erhitzt. Ja, man wurde direkt neidisch. Er wollte in seinem Segment, in der Musik, etwas von bleibender Wirkung für die Gesellschaftsordnung anzetteln, am besten die Verhältnisse zur Gleichheit hin ändern.  Die Verhältnisse grundlegend zu ändern, ein Blick um sich reicht da, gelang ihm nicht; im Kleinen wiederum wirkt Bergamann nach und wird es mit Sicherheit noch lange tut. Er hat „Der Tod ist da“ weiterlesen

Der Mordsmontag

Epik bereits zu Wochenbeginn, nun ja, wer es braucht… Der vergangene Montag geriet jedenfalls derlei panoramig, dass man zu meinen glaubte, er hätte zugleich gesellschafts-  und persönlichkeitsrelevantes Format.  Das ist ein wenig übertrieben natürlich. Die neue Regierung war aber immerhin fix, der Koalitionsvertrag, laut Spiegelchen Online, kurz nach 14 Uhr unterzeichnet, freilich: nach einer den Darm belastenden Mahlzeit aus Tütensuppe und Speckröllchen à la garcon extraordinaire avec Puffreis, die Grundlage für ein ordentliches Leben nach dem Wildwuchs seit September 17 endlich geschaffen; nachdem das Land ja in den letzten Monaten mit einer Reihe von Vollpfosten zu kollidieren drohte… Zur neuen Regierung hierzulande ist allerdings mittlerweile alles gesagt. Doch halt, vielleicht nicht ganz. Ist jemandem vielleicht aufgefallen, dass Olaf Scholz, u.a. Vizekanzler, auf dem linken Augen offenbar wenig sieht. Nicht dass er links blind wäre, das nicht, niemals nicht als Sozialdemochrist, doch kneift er jenes Auge auffällig auffällig. Ist er lediglich vize, weil er nur über die halbe Sehkraft verfügt; halbsoviel wertvoll wie die Merkel? Oder war das Auge bei ihm immer schon eingeschränkt einsatzfähig? Oder schaute Scholz nur bei den Tagesthemen am vergangenen Montag des halben Auges, absichtlich, weil er von der journalistisch hölzernen, ungelenkig drängenden Pinar Atalay interviewt wurde und sie wenig ernst nahm und lediglich, gelangweilt beinahe, sein Vollmondgesicht in die statische Kamera berufsmäßig hinhielt? Im Hintergrund da: das belastbare Holzmobiliar des Hamburger Senatorensitzungsaals – oder aber ein vergleichbares Ambiente; die Fischauktionshalle etwa. Dieses Scholzgesicht reichte an Aussagekraft nach all den zähen Verhandlungen auch völlig aus, weil es Ruhe für alle Zeiten verhieß. Scholz, sehr oberflächlich betrachtet: ein gutherziger Vollmonder  in der Umlaufbahn des Politplaneten Linksvondings, „Der Mordsmontag“ weiterlesen

Das Dorf: verdammt

Feinden auszuweichen ist nicht leicht. In Baltimore offenbar sowieso nicht. Leichen pflastern die deformierten Straßen der Hafenstadt in Maryland jedenfalls; das zumindest versuchte uns die Fernsehserie The Wire beizubringen, deren Kurzbesprechung sich auf diesen Seiten bei den Top Ten befindet – nach, gelobt sei der Herr, ungefähr zehn Jahren seit der Erstausstrahlung. Doch auch hier schon, in diesem, ich zeige gerade darauf durchs mittelmäßig gereinigte Fenster, überaus verdammten Dorf,  zieht man sich im Laufe der Zeit fast zwangsläufig, ist man nicht gerade ein äußerst christlicher/rückgratloser/bis zur Selbstaufweichung rücksichtsvoller Charakter, wenn nicht Feinde heran, so doch zumindest passable Gegner. Wie dann ihnen auf einer Gemeindeläche von 14 Quadratkilometern, wovon 3 vielleicht auf DAS DORF fallen, ausweichen? Wie beim Bäcker? Wie im Regionalzug in die Landeshauptstadt? Oder beim Fest der freiwilligen Feuerwehr? Unmöglich fast. Also müssen Taktiken her.  Bei  Feindsichtung tut man, als sähe man woanders hin; als müsse man an die losen Schnürsenkel partout jetzt ran; als sei man in ein Selbstgespräch verstrickt.  Stimmt schon, man sucht die Konfrontation, allemal als Wohlstandsbürger, mit der Bequemlichkeit demnach per du, selten. Greift nicht zur Schrotflinte, und Ruhe in der Kartonage ist. Das semifeige Ausweichen geschieht bewußt, denn eine offene Konfrontation, das berichtet die ERFAHRUNG, reißt einen des Öfteren noch tiefer rein. Für Handgreiflichkeiten wird man schnell belangt, das Leben ist aber zu kurz für viel öffentlichen Ärger.  Leider tut sich das Individdum mit der Impulsunterdrückung, die ja der Zivilisationsprozeß und dann die Gesellschaft von uns verlangt, nicht immer einen Gefallen.  Es beginnt in einem tüchtig zu brodeln, wenn man die Person erblickt, die man so gar nicht anblicken mag, Unrecht und Weh kommen hoch,  die Flinte bleibt am Wandhaken, das Brodeln aber hört einfach nicht tags und nicht nachts auf; d.h.:  Man trägt den Ärger, der „Das Dorf: verdammt“ weiterlesen

Der Igor haut dem Andre eine rein. Aber sowas von.

Der Mensch kennt keine Schranken. Sein Limit ist einzig der Tod. So kann er zum Beispiel ungehindert, nur um beim Lieblingsthema Musik zu bleiben, einen Granatenwerfer mit Herbert Grönemeyer, Lieschen Müller mit Weißbrot oder André Rieu mit Igor Levit vergleichen. Die beiden Letztgenannten traten zufällig oder nicht am vergangenen Wochenende in München auf.  Nun könnte man fragen: Was haben die beiden Herren denn schon gemein? Abgesehen davon, dass sie Musik beziehungsweise Musikfernverwandtes machen,  auf den ersten Blick: gar nichts. Auf den zweiten Blick sieht das schon anders aus.  Auf den zweiten Blick haben Rieu und Levit ganz und gar nichts miteinander gemein. Immerhin zeigen sich bei diesem Vergleich unverhohlen zwei denkbar disparate Lesarten dafür, was Musik im Wesen ausmacht. Sie ist ja wesentlich, Notation hin oder her, die Fassbarkeit von Instrument oder Stimmband her oder hin, unfassbar. Ihre Wirkung sowieso. Man schiebt die Musik zu gern in Gottesnähe, zu den Glaubensfragen hin, weil man als Mensch trotz Ohr und innerlicher Vibration ratlos ist. Eine als Blog getarnte musikwissenschaftlich angelegte Studie, stop, da fällt mir ein, der Free Jazz-Schlagzeuger Milford Graves, derzeit auf dem Cover der Musikzeitschrift WIRE, mißt seit Mitte der 1970er  Herzfrequenzen und legt sie dem musikererzeugten Rhythmus nahe und meint, Musik sei dem menschlichen Organismus von vornherein implantiert, ist sowieso von der Heilkraft der Musik überzeugt,  auf alle Fälle: eine solche Studie könnte da helfen. Doch dafür:  kein Platz hier. Für Häme & böses Blut allerdings schon. So. Zum Gegenstand jetzt. Rieu beshowmante die optimal sterile Olympiahalle, Levit setzte sich ein paar Stunden „Der Igor haut dem Andre eine rein. Aber sowas von.“ weiterlesen

Habe die Ehre. Oder keine?

Ein Ehrenamt zahlt sich kaum aus. So selten in Geld wie in bleibendem Ruhm.  Meistens ist ein Ehrenamt eine undankbare Aufgabe, die Gräben zieht, Menschen voneinander spaltet. Kein Dank – nirgends. Das Thema taucht an dieser Stelle gerade jetzt auf, weil mich die Frage eines Freundes beschäftigt, der im Vorstand einer Elternaintiative steckt. Jener Freund fragte sich – passender oder unpassender Weise: nach einem Basketballspiel der Bayernliga Süd – selber, was denn wohl seine Motivation fürs Bekleiden eines derart undankbaren Amtes sei.  War es die Machtpostion, wenn auch im arg überschaubaren, da deutlich dörflichen Rahmen? War es eine Abart von Ruhm, die einem irgendwie doch in der allzeit durchsichtigen Dorfstruktur fast zwangsläufig zufällt? Man ist ja schließlich wer und im Dorf seiner Wahl erst angekommen, wenn man sich engagiert zeigt, den traditionellen Dörflichkeitsentwürfen zugeneigt, bereit  – Jesu Kreuz stets in Sichtweite – zu leiden. Während er sich, im tiefsten Bayern sinnigerweise über eine – halbvolle?/halbleere? – Flasche Jever gebeugt, noch fragte, wußte ich es schon. (Ich bin gewöhnlich keineswegs schneller von Begriff als er, diesmal hatte ich aber einen minimalen Abstand zum Geschehen, den Blick womöglich freier…) Zumindest, was sein Beispiel betrift, wusste ich es. Also. Er ist ein extrem hilfsbereiter, sozial orientierter Mensch, der der Gesellschaft, ja, Gutes zuführen möchte. Er kennt negative Energien sehr wohl, ist ein Lebewesen unter Lebewesen, doch räumt er ihnen im zwischenmenschlichen Umgang nicht viel Raum ein. Das zum einen; und vor allem das. Dann: Selbst ein Kreativer,  ist er froh, wenn Menschen kreativ werden, eigenes Zeug in „Habe die Ehre. Oder keine?“ weiterlesen

Ein Bericht für die Akademie

Wenn eine gepflegte Dame fortgeschrittenen Alters einem ohne Vorwarnung zuflüstert: „Er hatte ja so viele Weiber“; oder aber: „Das Mittelalter war so schrecklich“, dann mag man erst ordentlich schlucken – und kurz darauf leicht anzweifeln, hier richtig zu sein. Unter Cineasten. Im Club der Dickbrettbohrer.
Das war es allerdings schon mit den Zweifeln. Für nahezu zwei ganze Tage Klausur auf überschaubarem Raum, mit enggesteckten Vorträgen, Filmen und Diskussionen, eine nicht allzu üble Bilanz. Der Gegenstand war ungefähr so klar umrissen wie unfassbar. Ingmar Bergman. Dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr jeder feiern darf, dem danach ist. Zu einer Tiefeneinsicht in das Werk sowie die Person hat auf alle Fälle die Evangelische Akademie Tutzing in Form einer Tagung geladen. Von 17 Uhr am Freitag bis ungefähr 14 Uhr am Sonntag, also das erste Februarwochenende lang. Das Programm war dicht, die Pausen knapp bemessen, so dass man kaum die Umgegend – Starnberger See, umfassende Parkanlage mit fremdländischem Baumbestand – sowie das von der nicht allzu hippen Schwedenküche angeregte, dennoch äußerst wohlschmeckendes Bio-Essen adäquat würdigen, kaum ein Oh! noch ein Ah! erübrigen konnte. Dass Bergman für die Ewigkeit gemacht ist, das galt es unausgesprochen zu beweisen. Deshalb freute es Judith Stumptner, die für diese – mit „Das Theater als Ehefrau, der Film als Geliebte“ betitelte – Veranstaltung verantwortliche Studienleiterin der Akademie, unter den 62 Gästen nicht nur Bergman-Follower gesichtet zu haben, die etwa zu dessen Kampfgebiet, der Insel Farö, gepilgert sind, sondern auch ein paar junge Personen ohne jede Bergman-Erfahrung – derlei verschiedene Gästestruktur ergab zumindest eine kurze Umfrage anfangs. Noch einmal aber zum Baumbestand im Akademiepark. Als Sinnbild für Bergmans Schaffen hätte sich die in alle vierzehn Himmelsrichtungen strebende kaukasische Flügelnuss angeboten, unter der man sicher den kompletten Wurzelirrsinn dieser Welt vermuten darf und die sich wenige Schritte vom doch recht behaglichen Auditorium breitmacht. Stattdessen aber bot Angelika Mrozek-Abraham, die Initiatorin der Tagung, gleich zu Beginn das Bild des Rhizoms an; eines Sprossachsensystems, das den unwiderlegbaren Vorteil hat, genauso gut aus „Ein Bericht für die Akademie“ weiterlesen