Top Ten

Rätselspaß für Jung und Alt.
Wo befindet sich diese alte Rolltreppe?
Ein kleiner Hinweis: In einem Kaufhaus einer sehr grossen Stadt.
(Gewidmet Inka, die einen Überschuß an Text innerhalb dieser Website festgestellt hat.)
Rcihtige Einsendungen werden mit einem höflichen Dankeschön bzw. Gutgemacht prämiert.
Oder doch mit einem Rindfleischpaket (Filet, Hüfte, Zunge, Augapfel).

WINTER 17/18

1. Eisele Verlag
Es ist sehr mutig in Tagen wie diesen, wo die Buchbranche nicht weiß, wohin mit sich, einen Verlag zu gründen. Alleine deshalb muß jeder einigermassen bibliophile Geist die erfahrene Lektorin Julia Eisele loben, die sich potente Finanziers für ihr gewagtes Unternehmen gesucht hat und die da äußerst durchdacht vorgeht. Vier Bücher liegen im ersten Programm vor.  Eher Leichtgängiges wie Hanni Münzer und Lorenzo Licalzi, von Haim Shapira ein Sachbuch zu Glücksfragen sowie ein herberer Stoff von der Britin Nell Leyshon. Ein ziemlich stimmige Mischung, die den Verlag bestimmt am Leben halten wird.  Erst das nächste Jahr zeigt aber, wie lange.

2. V. Despentes
Im Winter geht es ja ans Eingemachte. An die Salz-Dill–Gurke und an den Jam. Oder an ein Buch, eingemacht in ein halbwegs brauchbares Cover.  An das Buch von Viginie Despentes möglicherweise. Titel: „Das Leben des Vernon Subutex“ (Kiepenheuer & Witsch).  Ein schnelles Stück Literatur, das sich böse und explizit gesellschaftskritisch gibt, aber auch humorvoll und desillusionierend. Es spielt in Paris, das komplett unromantisch daherkommt. Man ist unter lauter Gestalten, die sich oft genug vergeblich nach dem Leben strecken. Als dünner leitfaden dienen ein altgedienter Rocker sowie der Tod eienes Popstars. Die Sätze sitzen und haben Gehalt, obwohl der Gehalt stark zeitgebunden ist, wenngleich es ebenso um Vergänglichkeit geht.  Wir freuen uns auf Teil 2, das im Frühjahr 18 erscheinen soll.

3. John C.
Das Eingemachte und der Winter.  Draußen: so ungemütlich und wahrscheinlich auch noch kalt. John Corbett vermag eventuell den Durchfrorenen zu erwärmen mit seinen Ansichten zur Schallplatte und deren Sammelwut. Corbett ist ein renommierter US-amerikanischer Musikkritiker, der in Chicago lebt und dort eine Galerie sowie das gleichnamige Label Corbett vs. Dempsey betreibt. Sein sehr persönlich gehaltener, kurzweiliger Ratgeber „Vinyl Freak“ (Duke University Press) vereinigt Erinnerung mit  Einzelkritik prägender Aufnahmen.  Ein grosses Fest für ausnahmslos alle Musikliebhaber. Der Erstausgabe haftet eine Flexi-Disc an mit einem unveröffentlichten Stück von Sun Ra drauf. Auch noch in Orange.

4. El saison
Wie einmachen den Winter? Wie ihn überleben? Drinnen. Denn drinnen ist es gemütlich und sicher. André Téchiné hilft einem dabei. Wie neulich auf Arte, wo sein 25 Jahre alter Film „Ma saison préférée“ lief.  Nicht lange davor lief dort auch „El Cid“ von Anthony Mann.  Und da sah man den Unterschied zwischen Frankreich und Hollywood maximaler denn je. Hier schaute einer dem Leben zu, ließ all dessen Vagheiten beinahe wie bar von Regie geschehen und Schlüsse den Zuschauer ziehen; dort – Mann ist ein großartiger Regisseur –  fuhr man gigantisch was an Kulisse auf, war das Dilemma eines sterblichen Helden zu besichtigen, umgeben von Scharen von Statisten in Rüstung und Robe, bis ins Detail inszeniert. Hier sah Catharine Deneuve gut frisiert aus, war aber unvollkommen im Ganzen, dort warf sich Sophia Loren mit antiquierten Haarschmuck verhältnismäßig feurig hin und her mit mehr oberflächlicher Blöße. Beide Filme folgten unterschiedlichen Ansätzen und Ausführungen, und beide wärmten doch von innen gleichermassen stark.

5. Der Lamar
Soul. Soulmusik wärmt auch mitunter. In aktueller Variante ist es Kendrick Lamar, eine maßgebliche Gestalt des Popbusineß derzeit. Der Lamar ist mit seiner letzten Aufnahme in vielen Bestenlisten des Jahres 2017 anwesend. Bei Pitchfork sogar auf der 1. Zu Recht. „DAMN.“ ist ein elastisches Album,  ziemlich stark angepoppt und mit Einsichten in die Persönlichkeitsstruktur des noch frischen Rappers (30) aus Kalifornien.  Doch so häufig der Rap darin vorkommen mag – es ist doch vor allem der Soul, der das Gesamtbild prägt.  Nahezu alles basiert hier nämlich auf Gefühl. Noch besser: auf einem eingängigen Gefühl, das die Menschenrasse wohl seit jeher eint und gegen Unbill wappnet. – Tanzbar ist das Ding zeitweise auch noch.

6. Der Streich
Christian Streich ist der Trainer des SC Freiburg. Derzeit und, so Gott will, für immer 1. Bundesliga.  Er ist seit 22 Jahren beim SC. Erst trainierte er die Jugend, seit sechs Jahren nun als Cheftrainer die Profis. Eine sogenannte treue Seele. Eine engagierte Seele dazu noch. Am Spielfeldrand, bei Punktspielen, tickt er schon mal aus, freilich ohne handgreiflich zu werden, kriegt gern einen irren Blick, weiß nicht wohin mit sich, so sehr zerrt die Spannung an ihm. Wie neulich beim Heimspiel gegen Red Bull Leipzig, wo Streich beim Ausgleich sowie dem Siegstreffer schier nicht zu bändigen war, so dass die Sportschau ihn gleich – eine an sich ungute Art, dem Geschenen außer- jenem innerhalb des Feldes gleichen Stellenwert beizumessen – mehrfach in Zeitlupe zeigte. Fern des Feldes ist er eine ehrliche Haut, die breites Allemanisch spricht, obwohl studiert. Streich gehört nicht in die Kategorie der im Augenblick sehr beliebten smarten Jünglinge, auch nicht zu den abgebrühten alten, leicht maroden Hasen. Er ist seine eigene Kategorie. Er sagt offenbar, was er so gerade denkt und schert sich wenig um glatte Oberflächen. Es sind fast immer verhältnissmäßig kluge, äußerst humane Sätze, die das Busineß mit dem Ball und den Wahn um ihn herum hinterfragen, und die auf Menschlichkeit zu allen Zeiten setzen. Dafür gebühren Christian Streich noch vor WM Dank und Lob.

7. Der Traum
Und noch ein Buch. Weil der Winter so zäh, es ist Mitte Januar, von der Hand – oder vom Handschuh? – geht.  Ein Buch, das Träume im Titel führt, muß zum Träumen anregen. Könnte man zumindest als erfahrener Schlafwandler denken. In diesem Fall gilt aber: Es kann anregen. „Die Träumer“ von Volker Weidermann erzählt die Geschichte der Münchner Räterepublik nach – eines kurz gelebten Traumes also; falls das nicht ein Paradoxon sein sollte. Das Besondere daran: Das Buch tut dies aus der Sicht der vom November 1918 bis April 1919 beteiligten Künstler, Schriftsteller vor allem. Von Graf und Toller und Rilke etc. aus; sogar Th. Mann, beileibe kein Experte für Aufruhr, lugt hervor. Weidermann bzw. sein Verlag versieht das Populärsachbuch mit dem Untertitel „Als die Dichter die Macht übernahmen“. Das führt ein wenig in die Irre, denn die Dichter mögen zwar am revolutionären Treiben beteiligt gewesen sein, doch die Republik war allenfalls dreieinhalb Minuten lang ein Poesiealbum. Erzählt wird, sofern ein Laie es beurteilen kann, mit flottem Zugriff und faktentreu. Ein wenig dichterische Freiheit, die da und auch dort durchschimmert, sei Herrn Weidermann vom Herzen gegönnt. „Träumer“ hat er in flotte, spannungsgeladene Verse gepackt, und das ist gegen die Kälte mehr als genug.

8. Wire
Nach einem Abonnement vor etlichen Jahren, eine Strecke, wo mit die Zeitschrift in zu obskure Regionen abzudriften schien, kehre ich reumütig zu WIRE zurück. Nicht als Abo-Inhaber, aber als fleissiger Leser ab und an zumindest. Zu jener britischen Zeitschrift kehre ich zurück, die monatlich Musik als grenzenlosen Raum betrachtet. Die wieder und wieder innerhalb der disparaten Verzweigungen im Musikbussines zur Zeit nach Ungehörtem sucht, und es auch zuverlässig findet.  Alles aufbereitet mit journalistisch einwandfreier Feder ung gestalterisch on top. Manchmal scheint WIRE unter Zugzwang zu stehen und bringt Dinge zum Vorschein, die auf längere Sicht der näheren Betrachtung nicht wert sind. Öfter aber sind Beiträge und Tipps dabei, die lebensverändernden Charakter aufweisen. Zuletzt waren  als auch Milford Graves auf dem Cover.  Nicht zuletzt das gab mir Aufwind.

9. Schlittschuh
Dieser Winter wurde nicht fürs Schlittschuhlaufen gemacht – wie der zuvor schon nicht sowie jener vor dem. Kaum ein Weiher friert für länger und zuverlässig zu, so dass kein  harmonisches Gleiten noch ein schmerzhaftes Fallen – ja, das Eis ist ein hartes Pflaster – möglich ist.  Überlaufende Sportarenen, wo man immer gleiche Strecke im Oval abfährt, sind keine Alternative; niemals und je gewesen. Eishockey bei Olympia zu schauen ist auch kein Ersatz. Zumal die Russen favorisiert sind; Aufbausubstanzen im Gesäß selbstredend.  Und beim Eisschnellauf, derzeit ebenfalls bei Olympia einsehbar, machen Holländer fast alles unter sich aus. Mindestens so erschreckend wie das russische Gesäß – dieses sattsam bekannte holländische Effizienzstreben. Dabei ist gerade das Schlittschuhlaufen so enthebend.  Geschwindigkeit in Natur per eigene Muskelkraft mit minimaler Gerätschaft am Gliedmaß zu entwickeln, allemal vom Wald umgeben, an Nettigkeit kaum zu übertreffen. Die roten Bäckchen hernach auch noch so putzig. Nix da. All das: ein Traum von gestern.

10. The Wire
Ich lege mich mal fest: Die beste Serie die je gemacht wurde.  Lief schon vor längerer Zeit auf HBO und ist gut angekommen und angesehen unter Filmfreunden, keine allzu große Offenbarung für diese schmale Öffentlichkeit hier also, ich weiß. Für mich aber als Zuseher, zumal in dieser Qualität, recht neu. Obwohl Jahre alt, immer noch wirkungsvoll. Fünf Staffeln. Baltimore aus verschiedenen Perspektiven; vornehmlich Polizei und Kriminelle/Dealer. Eine sehr moderne Version von Dantes Göttlicher K., wo es u.a. in den Abstieg in den Höllenkreis geht? Man sollte nicht zu niedrig stapeln. Ein ganzes Gesellschaftspanorama – alle Schichten – wird da ohne Skrupel geliefert. Sagen wir mehr. Sagen wir es ruhig auf des Bildungsbürgers Art: Condition humaine. Es geht um nichts weniger als die Beschaffenheit des Menschen im Grunde. Oder: wie der Mensch tickt; das dürfte sich mehr im Seriensinn anhören. Nicht berechenbar tickt der vor allem dann. Nicht… Lassen wir das. The Wire also: Sehr hart in Wort wie rau gestaltetem Bild; schnörkellos am Lebenspuls; punktsichere Dialoge (Entwurf und Drehbücher besonders einer: der ehemalige Polizeireoprter David Simon nämlich), irre aussagekräftige Szenen; in Detailtreue bei der Alltagswiedergabe praktisch unschlagbar; durch und durch echt. Besetzung: lauter unverbrauchte Gesichter,  schauspielerisch unschlagbar; Charakterstudien, die in Deutschland für fünf Serien gereicht hätten. Wärmt zwar dies alles nicht direkt zur kalten Jahreszeit – aber feuert gehörig was ab in alle Richtungen. Magen- und Herzgegend z.B.

 

 

HERBST 17

1. Freedom Jazz Dance
Manfred S. beklagt, dass ich auf meiner Liste vom Sommer nur eine einzige Jazzaufnahme aufführe. Das tut mir ehrlich leid, lieber Manfred, ich hätte gern mehr Jazz – nur Jazz? – auf der Seite, doch nicht jeder ist gebaut wie wir. Weil ich aber Manfred als Leser um keinen Preis verlieren möchte, hänge ich den Hinweise auf “ Freedom Jazz Dance“ an. (Wem der Jazz nicht passt, der darf von mir aus die 1. überspringen und übergehen, ja wohin denn eigentlich? Der darf sich sehr gern die 2. schon mal zurecht imaginieren. Mal gucken, ob ich dann der Imagination nachgebe. Ein passables Psycho-Experiment allemal.) Diese Aufnahme ist im Prinzip Miles Davis im Proberaum zwischen 1966-68. Nicht ganz alleine, nein, sondern gemeinsam, das meine maßgebliche Ansicht, mit seiner besten Formation überhaupt. Einer aus lauter ausgehungerten Jungspunden nämlich, die nach den Lehrjahren mit ihm allesamt zurecht sehr berühmt wurden. (Wayne Shorter, Herbie Hancock, Ron Carter, Anthony Williams). Als Warnung vorweg: Das ist eine oft unterbrochene Musik; unterbrochen, weil was nicht passt. Es wird also geprobt, bis sich ein  brauchbares Stück Musik herausschälen läßt, d.h. aber im Endeffekt, so ehrlich wollen wir diesmal sein: Stoff/Geschenk eher für Davisenthusiasten denn für Einsteiger. Ein Werkstattbericht insgesamt  und letztlich, doch, eine Art Hörspiel – mit Lachern, Einwürfen aller Bandmitglieder, allerlei kurzweiligem Firlefanz. Z.B. bearbeitet Davis wortreich und summend  mit seiner kehlkopflastigen Stimme 23 Minuten und 15 Sekunden lang Ron Carter am Kontrabass, um von ihm die richtige, die eines Davis würdige Stütze zu erhalten. Mal mischt sich das Schlagzeug ein, mal das Piano, dann unisono Trompete und Tenorsaxophon. Was einen in echt erstaunt: Es kommt keinen Augenblick lang Ödnis auf – doch vielleicht stecke ich zu tief in der Materie, das kann gut sein. Die Aufnahmen hat man innerhalb von „The Bootleg Series“ als „Vol.5“ herausgegeben. Zur Feier des vor 50 Jahren entstandene Davis-Meilensteins „Miles Smiles“ mit eben jener Besetzung. Wer also Fluss  sowie ein  Weltwunder anstaunen möchte, der nehme sich ohne Umwege  „Miles Smiles“ vor. Mehrfach am Tag gegen alle Wehwechen von hier aus warm empfohlen.

2. Die taz
Die tageszeitung, das widerborstige, inzwischen arrivierte, sich notorisch kleinschreibende linke Medium, das gern aus Antimainstream-Perspektiven berichtet, hat einen Relaunch erfahren. D.h.: bekam eine neue Anmutung. Das heißt: wurde neu gestaltet. Die erste Ausgabe im grafisch neuen Kleid ist bereits am vergangenen Montag erschienen. Was sagt man dazu? Man sagt z.B.  – gut gemacht. Ist gelungen. Sieht besser aus. Ist übersichtlicher. Mehr Weißraum. Mehr Ruhe dadurch im Ganzen. Bessere Fotoauswahl – bislang, denn aus Erfahrung mag der eine und auch der andere wissen, dass Ästhetik im Alltag gern unter den Tisch fällt.  Keine Kinkerlitzchen jedenfalls. Auf der Titelseite prangt nun taz; im rotem – selbstverständlich rotem – Rechteck eingekastelt und mit Raubtiertatze, die allerdings wie gehabt designt. Darunter der Erscheinungstag, klar und deutlich und ohne Datum, das fernab rechts und in Rot angebracht ist. Das Aufmacherfoto, das bei der taz traditionell groß ausfällt, frißt sich regelrecht in den linken Rand. Das ist sicher ein Wagnis, aber ein sog. Hingucker allemal und ein feiner Einfall obendrein. Die Samstagausgabe soll ein wenig anders aussehen. Bin/Sind gespannt.

3.  Die Muh
(Und noch ein Blatt, ohne das es nicht geht.) Ist eine Zeitschrift, die sich um – Obacht Eigenzitat – „bayerische Aspekte“ kümmert und einmal im Quartal erscheint.  Fest verwurzelt im Bayerischen und doch kritisch dem traditionellen Treiben gegenüber. Reihenweise gute Schreiber dabei, die die nicht fest fixierte Schreibschrift des Freistaats so gut es nur geht pflegen. Umfassende Interviews. Viel Naturbewusstsein. Nette Bildstrecken. Offenbar etliche der Musik zugeneigte Ohren in der Redaktion zu 83358 Seebruck. Ellenlange Interviews, die sich sonst heutzutage und hierzulande in der Presselandschaft kaum einer leistet, was schade ist, weil es dabei möglicherweise in eine bislang wenig ausgeleuchtete Tiefe geht. Im Sommerheft etwa ein Gespräch mit Eisi Gulp, der umfassend aus seinem umtriebigen Leben berichtet. Und wenn man ihn dann auf dem Bildschirm sieht, meint man, einem besseren Bekannten begegnet zu sein, dem Eisi von nebenan halt. Das kann einem etwa schon beim Feurwehrmann Sebastian Weil passieren. In der Serie München 7.

4. München 7
Schon eine überdurchschnittlich gute Serie. Ja, doch. Auch beim Wiedersehen nach Jahren. Ist ja auch eine von Franz Xaver Bogner, der allemal bei seinen Serien für Qualität steht (Irgendwie und Sowieso, Café Meineid, Der Kaiser von Schexing). Für die, die nix wissen, auf dem Schlauch stehen oder nur unter einer verlausten Kastanie: Das Revier Nummer 7 nahe dem Viktualienmarkt in München ist quasi der allzu menschliche Hauptdarsteller hier. Bei näherem Hinsehen aber dann doch das etwas ungleiche Polizistenpaar Xaver Bartl (Andreas Giebel) und Felix Kandler (Florian Karlheim). Die klassische Konstellation für einen Krimi, denkt man bei dieser Beschreibung womöglich, ist aber diesmal nur bedingt so. Man konzentiert sich auf eher kleine Delikte, die mit reichlich Humor bearbeitet werden, wo die charmantere Seite Oberbayerns, die es geben muß, rausguckt. Mal was fürs Gemüt, aber nie derlei, dass man O Gott, mein Hirn, wo bleibt mein Hirn nur!  ausrufen mag. Mangel an Hirnmasse war bei Bogners Werken kaum wann ein Problem. Ordentlich Lokalkolorit, bei der Sprach-, Typen- & Ortgestaltung gibt es ebenfalls – wir sind ja in Bayerns Herzen. Die Dialoge stimmen zumeist; wobei: gelegentlich wird mal ein Spruch um der Witzigkeit des Spruches willen ausgestellt. Auch kommt mal eine Szene vor, die zu offensiv auf Effekt aus ist und sich nicht besonders in die insgesamt stimmige Charakterzeichnung einfügt. Oder ein Nebendarsteller versagt, weil er nicht nebendarstellen kann. Ein Wiedersehen demnach mit kritischem Unterton. Allerdings: Kritik sei,  so ein Irrer am Bushäuserl, ein karierter Hosenträger für Weicheier.

5. Die Gurke
Das waren Zeit. Als ich noch kein Vegetarier war und so ein Pastramisandwich (links) ohne Reue einnehmen konnte.  Jetzt wäre lediglich die doppelte Portion Gürkchen (rechts) angezeigt, plus – bei besserer Laune – die Limo (mittig). Falls jemand es ganz genau wissen möchte: Die frischer aussehenden, stechend grünen Gurken auf diesem Bild sind nur kurz in der Salzlake gewesen, ein paar Tage lang, die khakifarbenen einen ganzen Tick länger.  Ja. Allmählich heißt es, treppab in den Keller und die selbsteingelegten Salzdillgurken, treppauf am Küchentisch dann, aus den Weckgläsern befreien. Wer Gurken einzulegen versäumt hat, über den Schande ohne jedes Aber.  Obwohl. Das versäumte Erlebnis, einen Kater durch einen ordentlichen Schluck der Salz-Dill-Lake zu heilen, ist Strafe genug. – Die Gurken aber soll essen, wem nichts anderes einfällt.

6. Espresso
Vor kurzem war ich mit Manfred bei einem Kaffeeröster, wo wir einen sehr guten Espresso tranken.  Der Röster, wie das der Röster Art ist, falls im Laden gerade nix los, belehrte uns ein wenig, befragte uns zu unserem Trinkverhalten – welcher Kaffee, gemahlen gekauft oder als Bohne usw.  Wir antworteten brav, wenn auch etwas gelangweilt. Man weiß auch als sterblicher Ungerösteter inzwischen selber, was das Getränk ausmacht. Und sowieso könnte man allmählich meinen, das Geschäft mit dem Kaffee hätte schon länger die oberste Fahnenstange erreicht, wäre nicht der Rede wert oder ausschließlich in den Händen der Hipster. (Bärtige und tätowierte Menschen, die grundsätzlich Englisch sprechen und Kaffee als Frucht begreifen, deshalb dessen Süße betonen.) Doch: Ein guter Espresso aus einer mächtigen Siebträgermaschiene, die kein Vollapparat daheim ersetzen kann, ist nach wie vor ein Genuß von Wert, der den trüben Tag beim Horn anzupacken hilft.

7. Orient-Express
Kenneth Brannagh, der sich von seinem Flop mit „Frankenstein“ als Regisseur künstlerisch nie erholt hatte, obwohl er doch großartig  mit „Henry V“ debütierte und  kurzweilig „Much Ado About Nothing“ verfilmte, das sollte man unbedingt erwähnen, der später mit „Thor“ einen Blockbuster ohne Skrupel herstellte, genau jener Branagh hat jetzt „Mord im Orient-Express“ nach Agatha Christie gedreht. Mit mäßigem Erfolg scheint es, von nostalgischem Ausstattungssalat redet man vor allem. Da lohnt es sich gleich zu der Verfilmung des Soffes von 1974 zu greifen. Sidney Lumet hat Regie geführt und für dichte, leicht klaustrophobische Atmosphäre in erfahrener, aber nie zu glatter Weise gesorgt. Albert Finney spielt den Meisterdetektiv Hercule Poirot, ein scharfsinniges, doch durch und durch unausgeglichenes Kerlchen. Ein Staraufgebot gibt es auch, dem zuzuschauen uneingeschränkt eine Freude ist. Ingrid Bergman. Lauren Bacall. Vanessa Redgrave. Jacqueline Bisset. Richard Widmark. Michael York. Sean Connery. Martin Balsam. John Gielgud. Jean-Pierre Cassel. Wenigstens hier ein spannungsgeladenes Stück Kino,  das einen zwei Stunden lang fast undurchschnittlich gut unterhält.

8. Ofenfeuer
Aufs Feuer zu starren kann zu einer gediegenen Abendunterhaltung werden. Vorausgesetzt natürlich, man hat keinen attraktiven Partner zur Hand.  Feuer gibt dem Menschen was, was schlichte Gemüter als umfassende Wärme bezeichnen, komplizertere Gemüter aber als: Magie. Der Schwedenofen ist mittlerweile, das wage ich öffentlich zu behaupten,  ein fester Bestandteil der deutschen Stube. Doch so ein Ofen ist ein Pup nur. Empohlen sei hier mit aller Macht der Holzherd von Greithwald aus Südtirol, der einem über die gesamte Breite eine Kochplatte vorsetzt.  Ein Topmodell, das einmal angeschafft, zum treuen Begleiter bis zum Garaus wird. Bei Greithwald selbst heißt es: „Nichts ist behaglicher als ein warmes Haus, das uns erwartet.
 Die Philosophie unseres Unternehmens lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Behaglichkeit, Respekt, Leistung. “ Klingt sehr anständig und daher sehr deutsch, obwohl es aus Quasi-Italien kommt. Wie auch immer. Das Holz, der Ster gemischtes Holz 80 Euro derzeit, lasst ihr dann bitte den Gustl liefern. Der macht es gut.

9. Lali Puna
Ohne ein Wenn und ohne ein Aber eine der schönsten Neuerscheinungen dieses Herbstes; nein, ich korrigiere mich: die schönste Erscheinung – wahrscheinlich schon. In diesem Zusammenhang die ordentlich verbrauchte Schlagzeile Schönheit zu gebrauchen ist keineswegs daneben. „Two Windows“ heißt Lali Punas Album und fällt zugleich aussergewöhnlich griffig wie verträumt aus, so tanzbar wie nachdenklich; jedenfalls eine Kombination, die im Popbereich derlei dicht nicht so oft vorkommt. Die Band ist grösstenteils ein Erzeugnis von Valerie Trebeljahr, die komponiert,  Keyboards spielt und singt. Sie stammt aus dem Umkreis von The Notwist, agiert allerdings sehr eigenständig. Die Elektronik,  immer schon die mit bestimmende Komponente bei Lali Puna, die zuvor schon vier Platten aufgenommen haben, treibt mehr als sonst an, wird aber alles in allem sehr dezent und  wirksam eingesetzt – stets zum Vorteil von Melodie und  Gesang. Alles durchweht eine Aura der Unaufgeregtheit und profunder Empathie. Wir sind präpariert für eine Portion anregenden Winters also.

10. Minderheitenregierung
Von wem wir nun in diesem Winter noch regiert werden, das ist nach dem Untergang von Jamaika immer noch ungewiss. Wahrscheinlich kommt es doch zu einer grossen Koalition und alles bleibt in Zement gegossen wie gehabt. Doch eine Minderheitsregierung könnte gut eine Option sein. Es wäre zumindest etwas Neues, bislang Unbekanntes, ein Abenteuer quasi und sicher eine nette Zumutung für ein abenteuerarmes und  –unlustiges Land wie es Deutschland nun mal ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang aber etwas anderes. Kurz nach Jamaika-Kollaps wurde die Kanzlerin bei der ARD hektisch zur Zukunft dieser Heimat abgefragt. Einzig durch Hektik düfte aber nicht erklärbar sein, warum Frau Merkel  mehrfach und beharrlich – während die Moderatorin fleißig das Wort Minderheitsregierung gebrauchte – von einer Minderheitenregierung sprach. Sucht Merkel nun das ganz grosse Abenteuer? Minderheiten haben wir natürlich ausreichend. Werden wir etwa demnächst ausschliesslich von einäugigen Ägyptern mit blonden Koteletten und Mundgeruch regiert? Von DDR-affinen Physikern, die auch ein Diplom in Bodenturnen haben? Oder doch nur von ehemals drogenahänigen Buchhändlern, die wie Schlafwagenschaffner aussehen und nur versehentlich Schulz heissen?

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SOMMER  17

  1. David Murray: 3D Family, Hat Hut
    Ein Modellbeispiel für zeitlosen Free Jazz vom damals 23jährigen Wunderkind aus Oakland; die Verwurzelung in der Jazztradition inbegriffen. 1978 beim Festival in Willisau auf 2 LP’s aufgenommen. Das Trio ergänzen der kraftvoll-prägnante Südafrikaner Johnny Dyani am Bass und ein Andrew Cyrille, der Filligrane im Free, am Schlagzeug. Wem das gefällt, der wird im Haltlosen fortan glücklich.
  2. Marcus O’Dair: Different Every Time. The Authorised Biography of Robert Wyatt. Serpent’s Tail
    Eine Biografie wie bestellt und, von meiner Seite aus, abgeholt. Die Geschichte eines begabten Menschen, der zum – zunächst – Schlagzeuger und Gelegenheitssänger bei der britischen, jazz-affinen Rockband Soft Machine wird und bald solo und mit fragiler Stimme die Popgeschichte in eher subtilere Regionen bis heute lenkt.  Locker lesbar und an Dramatik und Tiefe kaum zu schlagen. Wer Wyatt,  mit den klügsten Kopf in der Musikbranche,  nicht kennt, der sollte ihn allerdings wohl erst hören. Es gibt von ihm zahlreiche Aufnahmen; keine von ihnen wirklich schlecht.
  3. Howard Hawks: Rio Bravo
    Einer der besten Western, nein, Filme überhaupt. Ein Häuflein mehr oder minder Gescheiterter, das ein Städtchen verteidigt. John Wayne u. Dean Martin  unerwarteter Weise zum Schauspielern aufgelegt, eine selbstbewußte Angie Dickinson obendrauf. Im Kern geht es um das Wesen von Freundschaft; plus selbstverständlich ein paar gelungen arrangierte Schiessereien. Unaufdringliche Bilder, vor allem  auf die Nahbarkeit der Charaktere sowie auf den Handlungsfortgang aus, wohltuend in Zeiten von Marvelschlachtplatten: so gar kein Firlefanz – ganz wie man es von Hawks, dem Besten von ihnen allen, kennt.
  4. Ingwertee von Dr. Groß
    Sieht aus wie arg vertrocknete Wurzel eines Lebensbaums, die versehentlich untern Rasenmäher geriet. Oder wie  Hackschnitzelei, von einem fingerlosen Linkshänder angefertigt. Oder wilder Wildkot. Schmeckt aber prima. Gar nicht nach frischem Ingwer, obwohl schon mit ordentlicher Schärfe. Hat eher einen angenehm abgestandenen oder vielleicht nur altbackenen Beigeschmack. Ist auch noch bio. Und gibt, wenn man es sich lange genug einbildet, mächtig Kraft.
  5. Birkenstock
    Früher, beim Aufkommen der Grünen, nannten man diese Art der Fußbekleidung: Stoff für Friedensstifter. Die hartgesottene Jugend mied das Schuhwerk umfassend. Welch ein Fehler. Jahre, Jahrzehnte ohne dieses anschmiegsame, fein dämmende Fußbett aus feinporigem Kork.  Die ungehinderte Freude beim Latschen durch egal welche Gegenden.  Kein Weh at all. Die Vergangenheit offenbart also in jenem Fall nicht nur ein Versäumnis, sondern direkt Schande sogar. So. Friedensstifter heißen heute Gutmenschen. Der Gutmensch wird oft als  Schimpfwort gebraucht. Man sollte lieber, das lehrt die Erfahrung, das Schimpfwort auf seine Tauglichkeit gleich überprüfen.
  6. Buschbohnen
    (Leider inzwischen veraltet; im nächsten Jahr, ein Trost, wieder aktuell.)
    Noch ist die Zeit fürs Bohnenpflanzen; bis in den Juni hinein, sofern ich weiß. Ein äußerst dankbares und wohlschmeckendes Gemüse. Wenn die Saat nicht defekt ist, wächst diese Pflanze dankbar vor sich hin. Wasser; Wasser muß sein natürlich – sonst aber: entspannen im Liegestuhl und dann und wann beim Wachsen zusehen.  Beim Saatgut muß man ein wenig aufpassen, nicht jede  Bohnensorte schmeckt wirklich gut. Es gibt darunter schon sehr fade Abkömmlinge. Die gelbe Bohne macht sich zumeist ziemlich okay; ist allerdings nicht immer leicht zu beziehen. Ich habe gerade Buschbohnen gepflanzt, die Löcher für die Samen stach meine Tochter vor. Sie soll die Bohnen konstant gießen. Wer also nach einer sinnvollen Beschäftigung für die Kinder dieser Welt sucht: siehe 6.
  7. Die Warriors
    Noch einmal Oakland. Die NBA-Mannschaft von dort war in der vergangenen Saison wirklich besser als die Cavaliers. Funktionierte eben als Mannschaft, war nicht nur von Curry abhängig, wie die Cavaliers nahezu gänzlich von Le Bron James. Die Finalspiele zeigten sich, ich habe sie leider nur in Ausschnitten verfolgt, reichlich mit spektakulären Szenen bestückt, selbst wenn es letztlich ziemlich klar vier zu eins ausging. Aber ein Spektakel ist jede NBA-Saison so oder so.  Dafür sorgen die Show-Experten aus den Staaten schon.
  8. Der Sommer
    Könnte gut in die Top Ten, wenn er denn je ein Sommer wäre. Wenn Deutschland für einen Augenblick z.B. Italien sein könnte. Wo einen spätestens im August die Hitze zerlegt, so dass man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.  Welche Erlösung – mal kein klarer Gedanke. Nur ein Taumeln ohne grösseren Sinn. Eventuell eine Waffel mit Mirtillo-Eis in der Hand, um zu lindern, was nicht zu lindern ist: die Hitze, die zerlegt. Wenn Eis aber, dann – wo? In Reggio, und dort dann in der Cremeria Capolinea. Geht es besser? Nie wieder.
  9. Der Winter
    Kommt langen Schrittes. Nicht aufzuhalten, sofern man nicht gerade im Sterben liegt und der Winter im Jenseits ganz anders heißt. Um Kommet ihr Hirten einzuüben allerdings noch arg früh. Die Nächte sind  schon recht frisch… Wenn der Winter hier nur so sein könnte wie der in z.B. Italien, dann  – ja, was dann? Dann wäre er ein italienischer Winter.  Mit vermutlich viel Nebel, sollte man sich immer noch in der Emilia an der Eistüte festhalten, um den Sommer mit blosser Willenskraft zu verlängern. Stimmt bestimmt. Der Winter im imaginären Italien ist immer top.
  10. Dunkirk
    Das ist mal wieder ein Film, der einen Haufen dringender Fragen hinterläßt. Ein Film auch fürs Kino allein. Zunächst aber und vor allem ein Antikriegsfilm, der ohne Blut auskommt. Der viel über den Sound arbeitet. (Jeder Schuß: ein Zusammenzucken im Parkett.) Dessen monochrome Bilder die umfassende Klaustrophobie und den dringenden Überlebenswillen einfangen und verstärken, doch zugleich eine Ästhetik offenbaren, die einen Cinasten entzückt aufheulen lässt (Kamera: Hoyte van Hoytema)  Christopher Nolan, nioch nicht mal 50, hat Regie geführt und das Drehbuch geschrieben und seine paar Oscars jetzt schon sichergestellt (Kamera, Regie, Bester Film, Bestes Sounddesign etc.) . Er ist Brite und darf hier – nach vielen Blockbustern in Hollywood – ein wenig Nationalstolz zeigen. Wir verzeihen, trotz Brexit, gern. Denn dies ist vor allen Dingen eine zutiefst humane Geschichte, die hart und deutlich zeigt, was einen Menschen ausmacht.  Den armen Menschen mit seinem armseligen Leben.

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