Fly or Die

New York Is Killing Me. Sosehr ich den Poppoeten Gil Scott-Heron schätze, ihn auch aus seiner Sicht verstehen kann, als Schwarzer in den Sechziger-/Siebzigerjahren, als Junkie in der alles fressenden Metropole, uneingeschränkt zustimmen kann ich seinem oben angebrachten Liedtitel nicht.  Mein einwöchiger Ausflug nach New York Ende Mai versorgte mich, nach einer zwischenzeitlichen Erlahmung da wie dort, vor allen Dingen mit monströser Energie, die hoffentlich bis in den Herbst hinein reichen wird. (Einer Energie, um alles um mich zu zerlegen und neu zusammen zu fügen – mit der auch.) Beim New York-Aufenthalt meint man immer, sich im Auge jenes Orkans zu befinden, der die Welt mit seiner Triebkraft versorgt. Man wartet dort nichts ab, sitzt ganz und gar nichts aus, man pusht fortwährend. Was ist und was war, das ist zwar da, eingeschrieben in die Stadt und deren – meinetwegen – Story, interessiert aber im Alltag kaum, es zählt: was wird. Nach der Rückkehr, bereits in der S-Bahn vom Flughafen,  kam mir hierzulande wieder mal alles grau und wenig weltbewegend vor. Zu New York gehören folgerichtig auch Visionen, die auf das Wird verweisen und die gewöhnlich mit aller Härte durchgesetzt werden. Passenderweise gibt es in New York das Vision Festival. Erneut, nach kurzer Abwesenheit an diesem Ort, sechs Abende lang im  Roulette, einem Theater in Brooklyn. Das letzte Mal hörte ich innerhalb der BRD von Visionen Jahre her, als mich ein Irrer mit Hut vorm Dallmayr ansprach; und kurz darauf im Filmtitel über Hildegard von Bingen
( 1098-1179; Regie: Margarethe von Trotta; starring: Barbara Sukowa). Man betont beim Vision Festival seit jeher den Community-Gedanken stark, also den Zusammenhalt von mit ähnlichen Visionen versehenen Menschen.  Es „Fly or Die“ weiterlesen

The End: Nur die Wurst hat 2

Vorweg ein Wort noch zum Blog vom 11.5.
Einige von Euch haben offenbar die dort geschilderten Ereignisse als erfunden abgetan. Dabei ist die Geschichte um das Geld auf der Strasse wahr.  Das schwöre ich an dieser Stelle an des Eides statt. Bisweilen setzt die Wirklichkeit die Imagination schachmatt, das die allseits bekannte Konklusion vielleicht.

Das Ende naht. Das Ende der Woche, bald sogar des Monats, der Wonne verspricht, doch nie Versprochenes hält, ferner: Ende des Sommers, im Laufe des Jahres das Ende aller Träume möglicherweise auch; so ein böswilliger Gott es möchte selbstverständlich nur.  Wer die zumeist allerhand Glückseligkeiten zeugende Netflix-Serie „Unbreakable Kimmy Schmidt“ kennt, die vor Spannkraft nur so strotz, so dass die Gagdichte sie von innen heraus schier zu zerlegen droht, obgleich sie möglicherweise ausser des üblichen uramerikanischen Positive Thinking-Ware keine sonderlich durchschlagenden Erkenntnisse bereit hält, dem wird selbst dieser noch gemäßigt destruktive Einstieg nicht gefallen, aber gut, wie Rudi Völler einst gerne sagte, vor allem als Bundestrainer sagte er das gern, aber gut, wir sind verpflichtet, auch mal aufs Grobe & Ganze zu gehen; wie bei der WM 2002 z.B., bei der Völler coachte. Geendet. Geendet hat bereits etwa der Traum, als Gründungsmitglied der Bundesdeutschlandliga  unabsteigbar zu sein – das gilt für den HSV, von Gutmeinenden gelegentlich auch Hamburger Sportverein genannt, auch wenn seitens der Hanseaten nicht immer in sportliche Aktivitäten investiert wurde – vom Finanzier, dem Herrn Klaus-Michael Kühne, einem Millardär aus der Freien Pfeffersacklandschaft, seit jeher in Logistik, von manch einem Anhänger im letzten Spiel in Pyrotechnik und Vermummungstaktiken. Man darf sich auf die Duelle und bestimmt einige Scharmützel bzw. gar Straßenschlachten beim Derby in der Liga 2 vom „The End: Nur die Wurst hat 2“ weiterlesen

Old School in kurzer Hose

Terminologie ist oft nur eine Frage der Sichtweise. Wer noch vor wenigen Tagen mir gegenüber „alte Schule“ erwähnt hätte, der musste, zumindest in meinen Ohren, die Schule im Ort meinen, in der wohl bis in die Sechzigerjahre hinein klassenübergreifend unter „Volksschule“ unterrichtet wurde, wo sich  der  Veterenenverein und die Blaskapelle treffen, wo man Senioren betreut, in der ein Psychotherapeut einen Raum gemietet hat sowie die Musikschule, wo schließlich Rumpelgut in Rumpelkammern deponiert wird. Ein hübsch anzuschauendes einstöckiges Haus, mit warmfarbiger Fassade, eine Quitte davor. Jetzt wird diese ehemalige Schule renoviert, um demnächst dem Kindergarten, dem die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichen, mehr Platz zu bieten. Es waren ursprünglich Kinder drin, es kommen wieder welche rein, insofern alles schön und gut wahrscheinlich. Doch das war sie schon, die ALTE SCHULE für mich bislang. Nein, nicht so ganz. Alte Schule können nämlich Sätze sein wie: Ich möchte nur dein Bestes. Von der Mutter. Oder vom Vater: So und nicht anders. Oder, auf die Frage „Warum?“ von allerhand Seiten: Weil ich es so will.  Sätze, wo einem alles aus der Hand fällt.  Selbst wenn man nichts in der Hand hat. Und falls man sich nicht eine dicke Haut zugelegt hat, die antialteschulbeschichtet ist. Manche alte Schulen haben womöglich noch nie argumentiert. Sie folgen offenbar dem seit  Bildungsbeginn bekannten Banner: Wir trichtern in der Schule fürs Leben ein. Am allerliebsten in kurzen, einprägsamen Sätzen, denen zu widersprechen zwecklos ist. Ich stehe vorne, am Pult oder in der Rangordnung, und habe ein paar graue Haare und weiß deshalb, wie es geht. So ungefähr. Alte Schule und alter Hase, der mehr oder minder schmierige Wiener bzw. Pole, der einer Frischgeföhnten  beim Pausenhäppchen in der Philharmonie  die Tatze küsst, gehört selbstredend dazu, sind hierbei ein Tandem von ähnlicher Statur. Im Rap, dem Reden um des rhythmischen Redens willen, heißt „alte Schule“ dann „Old School“ und „Old School in kurzer Hose“ weiterlesen

Der unergründliche Unfried

Mal im Ernst: Wie viele Kuhfladen passen in einen Schulranzen? 42, wenn ich richtig gezählt habe. Falls sie gut getrocknet sind aber nur, den Winter über im luftdurchlässigen Stadel, zuvor gern in oberbayerischer Prärie; 42, falls man sie geschickt aneinander reiht, dann nur; und sich zuletzt auf den Schulranzendeckel setzt. Kuhfladen oder Schulbuch, der Unterschied hat doch nun wirklich, jawohl, Geringigkeit. Sagen pubertierende Söhne zu ihren leistungsorientierten Vätern bisweilen. Oder die Väter zu den Söhnen, auch das kommt vor. Wer jetzt von diesen Anfangszeilen aus das Wesen dieses Blogschreibers ergründen möchte, dem wünsche ich viel Glück und starke Nerven. So leicht wird es nämlich nicht. Des Menschen Ansichten und Handlungen zu verstehen, gar des xbeliebigen Menschen Kern zu erfassen, muss fast zwangsläufig scheitern. In jetzigen Zeiten sowieso. Wie oft sehen wir ein Menschenexemplar kurz an, machen uns ein Bild von dessen umfassender Schönheit oder Schlimmheit oder Gewöhnlichkeit und im nächsten Augenblick enttäuscht uns derjenige/diejenige schon, weil er/sie gegen unser gerade entworfenes Bild redet/handelt und es schlussendlich zerdeppert. Den Menschen ein bisschen kommen lassen, wäre eine denkbare und bestimmt auch gangbare Strategie, geduldig warten bis er sich zur mindestens vermeintlich vollen Größe auffaltet, bis man ihn einigermaßen einschätzen kann, so dass man nicht enttäuscht wird. Zumindest nicht großflächig enttäuscht wird. Aber Geduld ist ein rares Gut heutzutage. Deswegen u.a. liegt man so oft bei der Einschätzung des Gegenüber falsch. Weil das geduldige Auge fehlt, das doch für eine wenigsten geringfügig brauchbare Introspektion unerlässlich ist.  Zeit haben, und nicht mal das gilt als sicher, Hartz IV- „Der unergründliche Unfried“ weiterlesen

Macaron live in Nürnberg

Der Unterschied zwischen Mensch und Mensch kann bisweilen genauso eklatant ausfallen wie der zwischen Kuchen und Kuchen.  Nehmen wir nicht  komplett wahllos: Nürnberg. Vergleicht man dort die Confiserie Neef mit der Patisserie Tafelzier, so handeln zwar beide Läden mit Süssigkeiten, das ist richtig, doch darin erschöpft sich schon dieser Vergleich. Während Neef für 4,50 ein Pizzaviertel von durchsahnten Kuchen in einem   Kaffeehausambiente – bestenfalls – wie ehedem  auffährt, tischt Tefelzier auf poretief reinen, auf Hochglanz gebrachten weißen Flächen einen Kunstgegenstand wie ein Éclair mit Karamelfüllung  und in Goldersatz gewendeten salzigen Erdnüssen auf; auch für 4,50, darin gleichen sich beide dann erneut. Praktischerweise sind beide Lokale nahezu Nachbarn; Konkurrenten sind sie mitnichten. Von vornherein klar ist nämlich, dass denkbar unterschiedliche Leute in den jeweiligen Etablissements verkehren. Am Nachbartisch bei Neef bespricht die altgediente, fränkisch unterfütterte Frau Neef mit einem  jungen Pärchen eine Torte mit Einhorn on top, die zum Geburtstag der fünfjährigen Tochter hergestellt werden soll, derweil nahezu zeitgleich bei Tafelzier die top frisierten, schwarz gewandten jungen Thekendamen mit der Hand im Handschuh Macaron, Choux, Sablés oder Pâte de fruit im maßgezimmerten Kartongehäuse unterbringen, Süßkunst, von der  ein an der anderen Thekenseite postiertes Dämchen – kaum 30 und schon gut miesgelaunt, deshalb mit vollem Recht: Dämchen – in einem durch einen zweifellos namhaften Modemacher bestimmt nicht der Lüftung wegen an Arm wie Schulter zersäbelten, kanarienfarbenen Top eine Ladung verlangt. Der Kaffee sei da wie dort nicht besonders, warnte meine Schwägerin im Vorfeld. Ihre Warung war offenbar Befehl – der Kaffee war im Endeffekt nicht anders als nicht besonders; selbst wenn da der Vollautomat, dort aber ein chromglänzender Siebträger Dienste taten. Weil aber der Mensch so vielfältig ausfällt oder, wahlweise, von einem missmütigen, zu gern Dämchen erschaffenden Gott ausgefällt wurde, gibt es garantiert in der Nähe von Tafelzier und Neef noch eine dritte und sogar eine fünfte Anlaufstelle, wo es „Macaron live in Nürnberg“ weiterlesen

Zettel der Willkür plus Naht von G. gleich Skonto bei Homo S.

Man kann dem Deutschen viel vorwerfen. Dass er ein wichtigtuerischer Popelkrämer ist, der auf Befehle vom Führer wartet, die er empfängt und unverzüglich und akurrat verrichtet, das sicher zuoberst und mit vollem Recht.  Ein Strafzettel wäre diesmal zwar ein schwacher Beleg hierfür, doch ein Beleg allemal. Der Tatbestand für den Zettel, denn das ist das vorauseilend einschüchternde Wort für diese Sorte Vergehen, war eine auf die falsche, auf zu frühe Uhrzeit eingestellte Parkscheibe. Versehentlich, in Eile eingestellt; statt auf 16, die Zeit der Einfahrt in die fürs Automobil vorgesehene Parkbucht, auf 15 Uhr. Noch während des Anrufs beim Zweckverband Kommunale Verkehrssicherheit vermerkte der Sachbearbeiter am Ende der Leitung schriftlich den Einwand, der Tatbestand sei aus reinem Versehen entstanden;  meinte sogar, man könne die Richtigkeit der Aussage überprüfen, das heißt, ob der- oder diejenige tatsächlich erst um 16 Uhr in der Parkbucht gewesen sei. Er stellte mindestens eine Minderung  des Bußgelds in Aussicht, sofern man via Mail eine kurze Eingabe zum Ablauf machte; per Post käme dann bald schon eine Revision des Tatvorwurfs beim Täter an. Die Mail war sogleich geschrieben, schrieb sich quasi von selbst. Fast zwei Wochen hernach, fast war das Ding verjährt schon, vergessen allemal, kam Post. Eine „Zettel der Willkür plus Naht von G. gleich Skonto bei Homo S.“ weiterlesen

Cecil Taylor meets Das Schweinesystem

Und wieder ein Toter. Obwohl wir den Tod vor zwei Wochen mit einem hartgesottenen Text an dieser Stelle zu bannen versucht haben. So ein Ärger aber auch. Noch sind wir offenbar nicht soweit, noch können wir auf zwei, drei Dinge keinen Einfluß nehmen. Das darf bedauern, wer will.  Wir halten uns, dies unsere Bestimmung seit jeher, an die Fakten. Denn anders als die Tränen und damit Michael Holm, lügen Fakten nicht. Cecil Taylor ist demnach nach wie vor tot.  Obwohl er uns an Unberechenbarkeit ein Beispiel war, auf ihn sollte die Zeile unterhalb dieses Blognamens verweisen, und deshalb gar nicht sehr verwunderlich wäre, wenn er sich vom Totenbett erheben und uns noch einmal, ein letztes Mal, tüchtig erschrecken würde. Mit einem simplen Buh! oder mit einem seiner impulsgesteuerten Läufe auf der Klaviatur, die nie ausreichend lang war, um all das unterzubringen, was er zu sagen hatte, einem jener Läufe, die alle, ich lüge nicht, tatsächlich alle Facetten des Lebens darlegten. Das wird leider nicht passieren. Es bleibt uns nur Erinnerung und Schall und Rauch. Vor allem der gut erinnerbare massive, wenngleich disparate Schall, denn der war bei Taylor von umfassender körperlich-seelischer Wirkung. Ließ man nur ein bißchen locker, ließ sich ein, machte der Schall einen alle. Meistens auf die gute Art alle. Fegte einen aus. Wie kein Besen, nicht mal der von der Kleinen Hexe, deren Verfilmung ein Erfolg zu sein scheint und der man es, u.a. weil Ottfried Preußler, der Filmvorlagengeber, ein zuverlässig netter und zudem imaginativer Onkel war,  gönnen würde, jedenfalls: wie es gar kein Besen es je vermag. Taylor gegenüber wurde man im besten Fall zur Hülle ohne Inhalt. Sowas wie ein ursprüngliches Gefäß wurde man gar, das für jede Schandtat aufnahmebereit war, rein und willig. „Cecil Taylor meets Das Schweinesystem“ weiterlesen

Schuppdiwupp? Holterdiepolter? Beides?

Das Leben ist eine Mischkalkulation. Das meint zumindest der Sinnspruch auf einer Postkarte, die an der Säule eines Clubs klebt, während auf der Bühne eine Buddhistin von Sonne und Mond und Schmetterling zu Vibraphonklängen sang. Der sollte man mit Kalkulation lieber nicht kommen. Nicht dass es gleich eine setzt, aber ein Buddhist – und sogar eine Buddhistin – kalkuliert nicht. Die Welt, vom Universum niemals abkoppelbar, ist für die Anhänger des Buddha seit jeher da und deren Drehbewegung gleichförmig für immer. Man häuft  allerdings als Jünger dieser Religionsgemeinschaft Karma an, um im nächsten Leben gut dazustehen; das kann wiederum bösmeinenden Kleingeistern als Kalkulation erscheinen. Ein Buddha ist dann doch vielleicht nur ein selbstsedierter Mensch aus Knochen und Wasser, der sich mit besseren Aussichten zu beschenken nicht ganz und gar versäumt. Die Schwierigkeit mit Das Leben ist– sowie verwandten Sinnverweisen dürfte sein: Sie klingen fürs Erste einprägsam, doch keiner weiß was im Grunde. Keiner weiß, was das Leben ist, das vor allem. Keiner zumindest, den man gleich und vor Ort dazu befragen könnte und der eine nachvollziehbare Antwort schwuppdiwupp! parat hat.  Das Leben ist ein Rätsel; das wäre noch eine akzeptable Variante aus der eben erwähnten Sinnspruchserie. Klingt aber natürlich nicht gut genug, macht sich nicht besonders auf dem Banner, man hat es sich schließlich circa tausendmal im Lebensverlauf selbst vorgesagt. Dass das Leben aber ein Gemisch ist, ein wenig durchschaubarer Mix zudem, das ist nichts Neues, sofern die Erfahrung nicht täuscht. Mix geht, Kalkulation aber nicht, soll das jetzt die Konklusion sein? Für diesmal gibt es keine Konklusionen. Konklusion ist das Kuscheltier vom Armleuchter nebenan; könnte ein Bannerspruch aus der Werbelounge sein, wo ich einst beschäftigt war und, um in den feinporigen Werbejargon minimal zu verfallen, happy. Sieht man die Woche vom atombetriebenen Mixer aus, könnte man diese Gemengelage anrichten: Die Bayern haben schwach gespielt und doch gewonnen, Liverpool hingegen stark gespielt und City hoch und zu null „Schuppdiwupp? Holterdiepolter? Beides?“ weiterlesen

Cecil Taylor ist tot

Cecil Taylor ist tot

Hier ein Link zu dem Nachruf von Ben Ratliff in der New York Times.
https://www.nytimes.com/2018/04/06/obituaries/cecil-taylor-dead.html
Die Washington Post schreibt dies: https://www.washingtonpost.com/local/obituaries/cecil-taylor-pianist-who-was-the-eternal-outer-curve-of-the-avant-garde-dies-at-89/2018/04/06/f2599246-39a8-11e8-8fd2-49fe3c675a89_story.html?utm_term=.bd0454d9ebd5
Die Village Voice schrieb dies: https ://www.villagevoice.com/2012/05/09/saluting-pianist-cecil-taylor/
Nate Chinen sagt:https://www.npr.org/sections/therecord/2018/04/06/600189706/jazz-freed-on-cecil-taylors-expansive-brilliance

Bitte Cecil Taylors Musik hören.
Schau Euch das Video vom Münchner Klaviersommer 1984 an; an dieser Stelle zum Beispiel: http://www.deutschlandfunkkultur.de/avantgarde-pianist-cecil-taylor-gestorben-ein-absoluter.2177.de.html?dram:article_id=414977
Alles ist in seiner Musik drin. Mehr geht fast nicht.
Er möge in Frieden ruhen.

Postskriptum
Mit Cecil Taylor habe ich im Sommer 2011 einen Tag verbracht. Nachdem er eine Konzertreihe im Downtown-Club Le Poisson Rouge, zu der ich angereist bin, kurzfristig abgesagt hat. Ich wollte ihn zur Rede stellen. Nein, das ist zu hoch gegriffen. Ich wollte wissen, ob es ihm gut geht; und lauert ihm, nun, auf.
Er war zweifellos eigen, das war sofort klar, aber nicht ungut eigen. Jedenfalls mir gegenüber nicht. Redselig; auf den ersten Blick leicht ungeordnet, auf den zweiten schien sein Improvisationstalent, das Auffächern menschlicher Gegebenheiten innerhalb eines Stücks, vehement durch. Die Wucht wie deren Rückzug in einem Atemzug fast.
Unvergessen: Er: eine Plastiktüte in der Hand, voll mit den undurchschaubaren Gedichten;  vor seinem Haus in Fort Greene/Brooklyn war das; offenbar nach einer Nacht an seinem Yamaha-Flügel, vielmehr an dessen vor Spielwucht abgeschabter Tastatur. Großflächiges, scheinbar im Windkanal entworfenes Brillengestell; pastellfarbenes Hemd; elegante Sneaker; die die Hosenbeine einer Bluejeans einmal zweifingerbreit umgeschlagen. Irrational, aber für einen Jünger doch sehr nachvollziehbar– ab Sommer 2011 trage ich die Jeans gern eben so. Die Taxifahrt über den East River zuerst, er erklärte dabei die Architektur, die ihn, nur unter vielem, zeitlebens beschäftigte. In Greenwich Village auf der Suche nach einem Lokal fürs Abendessen dann, dabei war es 10 Uhr vormittags. Aber die Zeit: für einen Taylor ein vager Begriff, dehnbar nach allen Seiten; nach einer Nacht am Flügel sowieso. Unvergessen: Die geteilte Lektüre der New York Times in einem Deli, er mit dem Sportteil; da gab er einen Shake und ein belegtes Bagel aus. Sein Einkauf am Stand eines fliehenden Obsthändlers noch; die Grapefruit teilte er daheim erst, bevor er die Hälften viertelte. So bot er sie einem an: Nicht nur in Afrika ißt man sie so, auch hier unter Afroamerikanern. Endlich; er spielte am Yamaha, die wilden, nur durch ihn entzifferbaren Notate vor sich, ein Solo, das anstieg und fiel, fiel und abhob; zuvor, die Notenwildnis eingehend betrachtend, kicherte er, amüsiert von eigenen Einfällen. Die Wohnung: eine Rumpelkammer, improvisiert und heimelig-plüschig zugleich; eine Art Altar für den langjährigen Weggefährten Jimmy Lyons, die Hifi-Anlage angestaubt, vermutlich seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Wozu auch? Er machte doch Musik, die ihm liebste Musik, selber.
Seine innere Spannung, die garantiert aus seiner spannungsgeladenen Biografie resultierte, entlud sich vorwiegend in der masslosen Musik. Jener mit weit verzweigten Strukturen; undurchschaubar, unerklärbar im Endeffekt, sowohl von Wissenschaft wie Mitmensch, ganz wie es sich für einen gravierenden Musiker ohne Vorbehalte gehört. Unvergessen: Die Umarmung an der Tür. Ein zarter, allzeit geladener Mann, der was wußte.
Mir hat er beigebracht, auf allzu geschlossene Systeme zu pfeiffen. Es offen zu halten. Es dicht zu halten. Wagemütig zu sein. Keine Kompromisse. Sich treu bleiben. Das Wesen offenbaren. Taylors Lebenslauf machte Mut. U.a. weil er besagte, dass sich Substanz doch durchsetzen kann. Auch wenn es Jahre oder Jahrzehnte dauern mag. Es braucht Zeit, doch Substanz setzt sich letztlich durch. Ein Trost zweifelsohne.
Er war die Vorhut.
Wir folgen.

 

Das Sein: eine Melange

Substanz muss her. Zu viel heiße Luft um uns. Zu viele Leute drumrum, die laufend erzählen, aber nichts von Dauer sagen. Wir brauchen aber am Karfreitag dringend den Trost von, eben: Substanz. Also: Keine Zeit verlieren, das Leben wird kürzer, wir brauchen sie jetzt und hier.  Es gilt nämlich die wichtigen Fragen zu klären, das letztgültige Wiesoweshalbwarum dingfest zu machen. Kein Ort scheint geeigneter dafür als das Kaffeehaus. Weil: Der Kaffee, allemal so mittelprächtiger wie er in den Kaffeehäusern serviert wird, holt das Best of der Aggressionen aus dem gemeinen Menschen heraus, stellt ihn bloß und somit in voller Gestalt auf. Diese Ausage ungefähr trafen vor kurzem nordkoreanische Wissenschaftler aus der Provinz, das Nomen kein Omen?, Cha Bum-kun – in der südwestlichen Mongolei, wo sich die Steppe unmerklich weitet, exakt dort, bedeutet Cha Bum-kun, allerdings mit einem Apostroph mitten im kun:  Brühe ohne Wert – in einer international vielbeachteten Studie; die Koreaner selbst: selbstverständlich keine Kaffeetrinker, sonst hätten sie ja keinen unverfälschten Blick auf ihr Untersuchungsobjekt. Kaffee, wenn auch eindeutig mit aggressiver Haltung unterlegt, verschaffe Durchsicht, Klarheit der Sinne, erläutere mitunter gar den Grund unserer Existenz, so die Wissenschaftler; der Haken: nur in circa den ersten zwanzig Sekunden nach der Einnahme. Die untersuchten Personen, 3600 an der Zahl und vorwiegend Deutsche sowie Österreicher, zeigten eine starke Konfrontation der Gehirnströme, die bislang nicht für möglich gehalten worden war, und zwar zwischen Hirnregionen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben. Die Hälfte dieser Personen „Das Sein: eine Melange“ weiterlesen