Erlösung/Berlin/Jazzfest/Der Darm

Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Er lebt auch von Brezeln. Von Dinkelbrezeln strengenommen. Wenn es ihm dreckig geht in der Magendarmgegend zumindest. Dort wohnte der Wurm schon kurz vor der Abreise aus und auch noch kurz nach der Rückkehr aus Berlin. Ein Wurm, der spie. Allerdings kein Feuer. Nun. Dies hier, dieser Blogversuch, wird abgesehen davon, dass er ab sofort  immer auf die Schnelle gezimmert wird, da das Grand Opening beim JAZZ PODIUM, also die erste Heftproduktion, immer näher rückt und Zeit ein noch rareres Gut wird, das hier wird also mitnichten ein Wurm-Spezial,  ein Berlin-Spezial aber vermutlich schon. Mal gucken. Berlin ist war für Orientierungslose, die was losmachen wollen, aber aus Eigenantrieb nix vermögen, weshalb sie viel Umtrieb um sich rum benötigen, nicht zuletzt um sich selbst am Leben zu wissen, das ungefähr war seit längerer Zeit, seit ca. Mitte der Neunziger, die Ansicht des unten Gezeichneten; wer Kreativität in sich trage, der brauche kein einziges Berlin nicht. Der kann überall. Vor gut 20 Jahren konnte man Berlin ein wenig für andere Dinge schätzen. Für den noch frischen Clash von Ost und West zum Beispiel.  Von Reibung kommt Energie, dachte man und war gespannt welche. Nicht viel kam. Es war statt dessen an zu vielen Berliner Ecken schlicht häßlich. Und zugig. Und wenn mal im Babylon ein guter Film lief oder der Castorf gerade einen Eklat vorfuhr  und man da zu sein hatte, aber gerade in An der Alten Försterei stecken geblieben war, dann galt es da  eine Entfernung zu überwinden unter deren Last man gut wahrnehmbar stöhnte. Und kein vernünftiger Kuchen in Sicht in Berlin jener Jahre. Und dann die Berliner mit deren unreinen Schnauzen auf die sie sich maßlos was einbilden. Und die Leute überhaupt, zwischen bieder und eingewaschen. Gegen Ende 2018 sah es ein Stück anders aus. Hing aber auch mit dem Jazzfest zusammen, das ein heimliges Gefühl zu erzeugen vermochte. Weil es zum ersten Mal seit 54 Jahren von einer Frau geleitet wurde, vermutlich deswegen. Frauen können das, Heimeligkeit vortäuschen, die Rationalität kurz eliminieren, wo doch jeder Berliner mit Füllung und ohne weiß, dass die Welt gemein usw.  ist. Das Festivalgeschehen nahm den unten mit unsichtbarer Tinte Gezeichneten also mit ins Wohlbehagen. Das Wetter war für den beginnenden November von außerordentlicher Güte, gerade für Berliner Verhältnisse, wo auf einen im Herbst gern vom Osten her, wo das Böse wohnt, die Regenfäden einpeitschen, dass man sich beim Opus Dei und nicht bei Friedrich II hinterm Ofen wähnt.  Das Programm vom Fest machte den Aufenthalt kurzweilig. Viel Jazz bzw. improvisierte Musik an teilweise abseitigen Orten wie einem Friseursalon. Oder einer Altbauwohnung eines offenbar wohlhabenden Berliner Pfannkuchenfabrikanten, beides an dem vom Blätterteppich randvoll gefüllten Fasenenplatz, dem man eine stille Schönheit bescheinigen mußte. Oder in der Gedächntniskirche, wo ein schmales Mädchen aus Kanada eine wohl mit Mimosen und Explosionsmaterial geladene Orgel spielte. Es gab viel zu tun als eine In spe-Figur. Hände zu schütteln, Interviews zu führen, pünktlich am Konzertort zu sein, sich etwas einzuwerfen, was nicht Currywurst hieß. Letztlich war sogar für einen Schuheinkauf sowie die Fotos von Vivian Maier Platz. Die Maier-Ausstellung veranstaltete der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus-e.V. Wobei nicht nur die selbstbezogenen Portraitfotografien der neuentdeckten US-Fotografin einen ob ihrer Präzision und Komposition und Qualität überhaupt einnehmen konnten, nicht nur. Denn der Willy Brandt im Foyer des Hauses vereinnahmte nicht minder. Zerknittert wie er von dem Künstler Rainer Fetting ungefähr 1995 dargestellt wurde, erinnerte er daran, was ein Politiker mit Profil ist. Eine ferne Erinnerung, die aber der wirklichen Wirklichkeit entstammt. Diesmal schmeckte sogar der Kuchen in Berlin. Im Cafe Einstein selbstredend. Ein Mohn-Quitten-Strudel mit weißer Schokolade. Zu einem Jenseitspreis, aber gut, so war das im Einstein, dem Vorzeigekaffeehaus deutschlandweit,  auch schon 1995. Offenbar wollte einen Berlin, die Hauptstadt der Täuschungsmanöver, massiv versöhnen, reichte einem die nicht unerheblich stinkende Bärenpfote. Man überlegte, und nahm sie doch. Wurde erlöst. Bei leichten Kratzern.

 

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