Heimgarten

Der Mensch gibt und findet keine Ruhe.  Er muß tun, um sich zu vergewissern, dass er lebt.  Erst im Tun spürt er das Gewicht, das Leichtgewicht, wenn es gut läuft, seiner Existenz. Erst durchs Tun bemerken ihn auch die Mitmenschen. Es ist vielerorts ein Zwang, so sehr von innen wie von außen gemacht. Der eine Mensch muß tun, weil der andere auch was tut; des Geldes wegen, das verdient gehört natürlich auch, aber ja. Man gönnt dem Mitmenschen  gewöhnlich keine Eskapaden ins Nichtstun. Wenn er, der Mensch von vorhin,  also nix tut und ihn einer etwa fragt „Was tust Du denn den ganzen Tag lang?“, dann muß eine gescheite Antwort her und nicht ein unter Umständen wahrheitsgemäßes: Nix. Hieve tagein tagaus  Zement hoch, darf es heißen. Stempel was, weiß aber nicht so recht was eigentlich. Oder: Bin bei der Feuerwehr und rette gelegentlich ein Leben. An die Arbeit, das ist der ausschlaggebende Punkt für diesen Text, schliessen direkt die Freizeitaktivitäten an, die nach fleißiger Bewegung verlagen, nach laufen, springen, weitwerfen. „Heimgarten“ weiterlesen

Die Xu, der Xi & Rüssel

Hat man so eine Chinesin schon mal gesehen? Die richtige Antwort lautet: Hat man nicht.  So offen, herzlich, zugeneigt, lustig wie Xu Fengxia,  das entspricht dem Bild des Chinesen  bei uns  so gar nicht. Der Chinese, der auch gern die Chinesin sein kann, ist doch nur in der Mehrzahl zu haben, undurchdringlich, zielstrebig, reinlich und noch was, das ich gerade vergessen habe, jedenfalls Merkmale, die dem Menschengeschlecht nicht direkt schmeicheln müssen.  Seit 1991 wohnt Xu in Deutschland, im Bischofssitz zu Paderborn genaugenommen, doch das darf als Entschuldigung für ihre offensichtliche Lebenslust nicht gelten. Der Deutsche entspannt ja auch nicht, wann er will. Sie hat in Shanghai in einer Rockband Bass gespielt, dann in klassischen Ensembles, ausgebildet ist sie allerdings an der Sanxian, einem banjoartigen Instrument, das mit einem rundem, oft mit Schlangenhaut bespannten Korpus, einem langen, bundlosen Griffbrett ausgestattet und mit drei Saiten bespannt ist. „Die Xu, der Xi & Rüssel“ weiterlesen

Trikont

Um es mir diesmal besonders einfach zu machen, doch immerhin aus gutem Anlaß, hänge ich unten einen Artikel dran, den ich für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) 2009 geschrieben habe. In diesem Herbst feiert Trikont 50 Jahre seines Bestehens, und das muß unbedingt gewürdigt werden. Mit einem alten Text wie dem hier –  oder aber einem neuen, der demnächst bei der NZZ erscheinen wird, wenngleich er im Grunde den gleichen Ton wie ehedem anschlägt. Vor Trikont verbeuge ich mich aber auch zweifach gern. „Trikont“ weiterlesen

Huglfinger Blues

Am letzen Sonntag gab es auf dem Biobauernhof den Blues; nicht Demeter-zertifiziert zwar, aber gut verdaulich allemal. Im Rahmen eines Hoffestes gab es den, wo eher kleinere Bioanbieter ihre Stände aufbauten, der von den Grünen einst tägliche geforderte Veggiebürger gereicht wurde, aber auch einer mit zermahltem Rind zwischen der Semmel, wo Weißbier floß und Kuh und Schaf und Mensch sich von 10 bis 18 Uhr glücklich wähnten. Ich selbst hänge nicht sonderlich am Blues, wegen arger Monotonie, die in den neueren Zeiten vor allem, als die Briten den Blues endgültig elektrifizierten, zu oft in die Behaglichkeit führt (es sei denn, man heißt Robert Johnson oder Leadbelly oder Son House, dann  sind – wie ursprünglich – Dringlichkeit und Bodennähe da), doch die Williams Wetsox-Combo, die mag ich schon. Lokal sind sie seit Jahren eine verlässliche Größe. Vor allem ihr Leader, der Williams Fändrich aus Huglfing. Sie bespielen gern  Biergärten, eher alternativ ausgelegten Kneipen oder gleich das Lokal „Hey Schaffner“, das im Huglfinger Bahnhofsgebäude ansässig und mit behaglicher Atmosphäre sowie einer sehr anständigen Kaffee-Kuchen-Kombination ausgestattet ist und, das eine Information vom Hörensagen, von Leuten aus dem Fändrich-Kosmos betrieben wird. „Huglfinger Blues“ weiterlesen

Wypas!

WYPAS – diesmal keine Konsonantenhäufung, die an sich ja im Polnischen zum guten Ton gehört, aber dennoch fürs deutsche Ohr ein fremdes Wort, das ungefähr jenes meint: Sich gehen lassen, wie es das Getier auf der Wiese macht und  sich bis circa Oberkante Gutes antun. WYPAS also. Wir machen auf dieser Seite ja keine Werbung. Diesmal schon. Obwohl keine Veganer, werben wir für das Restaurant WYPAS, das eben Veganes äußerst gut schmeckend und durchdacht serviert, mit seinen Preisen nicht übertreibt und sich zudem auf überzegende Weise leger bzw. alternativ gibt. Eine kleine Hürde könnte eventuell sein, dass sich jenes Restaurant nicht gleich um die Ecke befindet, wenn man etwa in Oberbayern lebt. Von Berlin aus geht es aber – mit ein wenig gutem Willen zumindest. Da sind es nämlich nach Poznan/Polska, wahlweise  Posen/Polen, wo WYPAS in der ul. Jackowskiego 38 residert,  zweieinhalb Stunden mit dem EC; für einen Fußballanhänger, einen verbissenen Kunsttouristen, einen devoten Konzertgeher kaum eine Entfernung. „Wypas!“ weiterlesen

Les amis. Vôlümèé 2

40 Euro im Deux Magots. Inklusive Trinkgeld immerhin. Der Schokoeclaire muss tatsächlich um die 11 Euro gekostet haben. 6,80 die Cola für meinen Sohn, 13 der Croque Monsieur mit dem kleinen Salat, ebenfalls für ihn, der Kaffee wie viel, 7 bis 9 ungefähr wahrscheinlich. 37 Euro noch was insgesamt plus das Trinkgeld auf eben 40. Das heißt: der Eclaire um die 10. Was tut man nicht alles, um Paris die Gegend von Saint-Germain-des-Prés der Fünfziger- bzw. Sechzigerjahre, kurz, wenigstens kurz nur nachzuvollziehen, für einen Hauch Nostalgie also. In meinem Fall auch Nostalgie, die drei Jahre zurück liegt. Ins Deux Magots kehrte ich nämlich damals mit dem Manfred ein; wir übernachteten um die Ecke, im La Louisiane, wo auch „Round Midnight“ mit Dexter Gordon gedreht wurde und fuhren abends mit der Bahn in häßliche Außenbezirke ein, um Milford Graves, James Blood Ulmer oder Dave Burrell mit William Parker zu hören. Zwei, drei Mal besuchten wir das ruhmreiche Lokal (Deux Magots), weil wir feststellten, dass für den Kaffee in Paris allgemein üppig was verlangt wird; da zahlten wir gern die zwei Euro drauf, um uns einen Lufthauch lang, Manfred ist ein hoch belesener Mensch, in die Fünfziger einzubilden – als hier die Existenzialisten verkehrten, die Simone mit dem Jean-Paul u.a., aber auch trunksüchtige Realisten wie Ernest H. Um den Ort drehen sich Geschichten allerart. Zum Beispiel um den Clochard von der nahegelegenen Pont Neuf-Brücke, über die der Carax Leos einen nicht wenig durchgeknallten Film gedreht hat, der in  Studienkinos seinerzeit bei  Nachtvorstellungen lief, wie z.B. in Freiburg im Breisgau zu meiner Studienzeit – doch bei der Stange jetzt bitte: der Clochard. „Les amis. Vôlümèé 2“ weiterlesen

Valérian et Laureline

Wenn man sich schon mal in Frankreichfieber befindet, nach Macron und Ausflug zum Partnerdorf – wir berichteten – und Tour de Schinderei (plus doping à la carte selbstredend) zuletzt, hält man die Temperatur aus weniger Gesundheits- sondern mehr Lustgewinngründen konstant. Dann darf man sich aber auch nicht zu schade für einen Film des erfolgreichsten französischen Filmemachers sein: einen Film des Luc Besson. (Eines Besson, der leider Gottes und trotz – für Frankophobe allemal – Beinahe-Klanggleichheit des Namens, so gar nichts mit dem großen  Regisseur Robert Bresson, né 1901, gestorben 1999, zu tun hat. Schauen Sie sich Taschendiebe an, dann reden wir hierüber bei Bedarf weiter.) Besson ist, durch  cineastische Brille näher besehen, kein echter französischer Filmemacher, d.h. kein Truffaut  oder Verwandtes. Zudem hat er auf dem Filmsektor – cineastischer Brille: die 2 – ohnehin bislang nicht viel von Gehalt zustande gebracht.  Er hat sich ans Hollywood mit wechselnden Erfolg angeschmiegt, das stimmt; ohne ein Individualist zu sein, auch das stimmt. Keine eigene Handschrift seinerseits,  ein Kindskopf vielmehr ist er, der um Genres genau weiß, deren Grenzen aber nicht signifikant überschreitet. Hat aber nun 200 Millionen Dollar/Yen/Peseten  zusammengespart, um eine in Frankreich sehr populäre, sonst aber wenig bekannte Comicserie zu verfilmen. Besson hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und Valerian produziert. (Die Comicserie heißt Valérian et Laureline, der Film aber, wie ungerecht, hat zwar einen Helden und eine Heldin, führt aber nur den Mann im Titel. Dieser Blog aber will Gerechtigkeit um jeden Preis, ob Comicgestalt oder nicht, deshalb: betitelen wir im Original.) „Valérian et Laureline“ weiterlesen

Arto

Kommt Arto von Art? Das muß man nicht unbedingt  beantworten. Aber wenn man es denn versuchen wollte, wenn, dann vielleicht so: Arto Lindsay wirkt an diesem Abend im Nachtklub des Bayerischen Hofs wie eine Kunstfigur – und wiederum ganz real. In seiner Jeans und dem fadem Hemd, das über ihr hängt, ist er vom Stardasein scheinbar galaxienweit entfernt. Doch in seinem Gebaren ist er abgrundtief eigen und grundsätzlich nicht von dieser Welt. Er ist Arto mit seiner persönlichen Art, und er hat seinen Weg gefunden. Und es ist ihm ganz gleich , wer diesen Weg mit ihm zurücklegt und wer nicht; ihm geht es unterwegs offenbar sehr gut, denn er lächelt an diesem Abend viel. Und der Weg, wo führt er denn  bitteschön hin? „Arto“ weiterlesen

Les amis. Vol.1

Kann der Franzose den Deutschen je lieben?  Und umgekehrt; wie verhält es sich umgekehrt? Zeitgleich die Frage: Ist Liebe durch Organisation machbar? Die Stadtpartnerschaften, speziell mit Frankreich, entworfen der turbulenten Vergangenheit der Nachbarländer wegen,  sind der Versuch, Zuneigung zu forcieren. Oder: Der Zuneigung ein bißchen Grund, d.h. Boden, zu liefern.  So ungefähr zumindest. Eine gewagte Angelegenheit, die leicht ins Nirgendwo, d.h. vorrangig in den Krampf führen kann. Diesmal aber nicht. Zumindest nicht, wenn man die diesjährige Ausfahrt unserer Dorfmitglieder nimmt. Mit dem Bus von Oberbayern aus in die 60 km südlich von Paris gelegene Partnergemeinde. Der Bürgermeister, der mit einem Handschlag Jung und Alt in den Bus animiert, kommt selbstredend mit und nimmt Platz neben seiner überaus netten Frau; fällt bald in einen wohlverdienten und schnarchlosen Schlaf. Der Deutsche lockert sich derweil während der fast zwölfstündigen Nachtfahrt im Bus –  Erwachsene pro egal wie langer Nase: 85 Euro, Kinder umsonst; der Aufenthalt, abgesehen von Gastgeschenken, kostet nichts, die jeweiligen Gemeinden übernehmen alle restlichen Kosten, was meint: beide Gemeinden zeigen hier Großzügigkeit in Reinkultur vor. Er/Sie, der/die Deutsche,  lockert sich mit Rotwein (France, nous arrivons presto, so in etwa der Banner),  der äußerst wahrscheinlich vom Dorfdiscounter kommt. „Les amis. Vol.1“ weiterlesen

Malte, Dolphy, Wischmopp

Der Malte soll die Hecke, die das Haus zu den zwei Straßen hin abschirmt, schneiden. Maßgeblich von der Höhe was weg. Die Sonne scheint, so dass es ihm wahrscheinlich nicht schwer fallen wird. Obwohl er verkatert sein könnte. Der Malte hat nämlich gestern einen Kumpel in der Stadt besucht, der als Student der Kunstgeschichte bei einer Bank, die großzügigerweise in Kunst investiert, gerade ein Praktikum macht. Sie wollten abends Bier trinken. Bier gibt es in dieser Stadt, die München heißt, jede Menge. Wie viel können zwei junge Menschen aber trinken? Ein mittelgrossess Faß, 25 Liter, wenn der Abend länger werden sollte, das vielleicht. Die Sonne scheint also und die Hecke wartet. Es ist 10 nach 10 und Malte schläft noch. Dabei müßte er auf die Leiter, um die widerspenstigen Heckenzweige abzugreifen. Sonst gibt einer der fleißigen Nachbarn einen Hinweis über die nicht normgerecht frisierte Hecke an die Gemeinde. Den Ärger mit der Gemeinde fürchtet  die Oma von Malte. Sie möchte in passabler Eintracht mit jedem hohen wie niedrigen Tier leben. Aber da hört man es schon, das Heckenstutzgerät, von Strom betrieben. Ich habe also Malte Unrecht getan, er hat offenbar schon gefrühstückt. Er hat sogar offenbar  unverkatert  bereits beinahe ein Viertel der Hecke frisiert, nur mir, mir ist es ganz und gar entgangen, weil ich über das Wohin dieses Blog dermaßen in Gedanken versank, dass ich die Hecke um mich nicht mehr so recht wahrnahm. „Malte, Dolphy, Wischmopp“ weiterlesen