Heimgarten

Der Mensch gibt und findet keine Ruhe.  Er muß tun, um sich zu vergewissern, dass er lebt.  Erst im Tun spürt er das Gewicht, das Leichtgewicht, wenn es gut läuft, seiner Existenz. Erst durchs Tun bemerken ihn auch die Mitmenschen. Es ist vielerorts ein Zwang, so sehr von innen wie von außen gemacht. Der eine Mensch muß tun, weil der andere auch was tut; des Geldes wegen, das verdient gehört natürlich auch, aber ja. Man gönnt dem Mitmenschen  gewöhnlich keine Eskapaden ins Nichtstun. Wenn er, der Mensch von vorhin,  also nix tut und ihn einer etwa fragt „Was tust Du denn den ganzen Tag lang?“, dann muß eine gescheite Antwort her und nicht ein unter Umständen wahrheitsgemäßes: Nix. Hieve tagein tagaus  Zement hoch, darf es heißen. Stempel was, weiß aber nicht so recht was eigentlich. Oder: Bin bei der Feuerwehr und rette gelegentlich ein Leben. An die Arbeit, das ist der ausschlaggebende Punkt für diesen Text, schliessen direkt die Freizeitaktivitäten an, die nach fleißiger Bewegung verlagen, nach laufen, springen, weitwerfen. Es treibt ihn schon arg um, diesen Menschen, wenn man genauer hinschaut. Er will sich und – nach Möglichkeit – allen um ihn was beweisen, das sowieso und immer. Was? Dass er die Krone aller Schöpfung ist, ob hier oder in anderen Zweigstellen bzw. Ausbuchtungen des Universums. Schneller als eine Gazelle. Stärker als die Ameise. Stabiler als ein Zündholz.  Heißer als Heisse Tasse. Er steigt also dann z.B. auf einen Berg hinauf um seiner Arschhummeln willen und um seine Kräfte zu prüfen. Um der Welt so nahe am  Himmel wie es nur geht anzuzeigen: Hier bin ich, ich die Einzigartigkeit in Person, Gottes Spitzenmodell. Um die Welt endlich unter seinen Füssen zu haben und damit eine Übersicht über das gemeinsam mit seinem Gott hergestellte Reich. Man stöhnt allerdings schon ordentlich beim Aufstieg zum Heimgarten, einem beispielhaften Berg in den bayerischen Voralpen.  Die Deutsche Alpenverein Sektion Tutzing e.V. hat den Weg gesichert, die Sonne scheint an diesem Dienstag  in nur leicht geminderter Sommerstärke. Über balkengestützte Stufen, zumeist festgetretenes Geröll, am von Menschenhand begradigten Bach entlang und durch mageren Nadelwald geht es zweieinhalb Stunden  hinauf und praktisch nur hinauf, um die fast 1000 Höhenmeter bis zum Gipfelkreuz hinter sich zu bringen. Wen man begegnet, den grüßt man höflich, zumeinst mit einem hingehauchten Servus.  Ruhe kehrt eher kurzfristig ein. In Höhe 1508 ungefähr, wo man das Klicken der Bergsteigstöcke vor und hinter einem gerade mal nicht hört und bevor die Holzfäller am Hang zu Ohlsdorf hin nicht dringend tun müssen.  Man erschrickt fast über das Ausmaß der Stille, die für zweieinhalb Minuten komplett scheint. Niemand will was.  Es ist das große Nix. Dann setzen wieder die Geräusche ein, es geht hinauf. Am Kreuz:  eine Brotzeit im Pulk. Dabei ist es doch ein Werktag, die Leute sollten lieber arbeiten. Sind vielleicht deshalb diese menschlichen Unmengen unterwegs, weil es den Berg abzuarbeiten gilt? Am Grat, der Heimgarten mit Herzogstand verbindet, versucht man sich mühsam auszuweichen,  das egalitäre Servus spart man sich gleich, den Blick in die schöne Landschaft – links die Ebene mit dem Staffelsee, rechts der Walchensee in ordentlicher Pracht sowie die Alpenketten – ebenfalls. Man will vorwärts, nur vorwärts. Es sind Menschenexemplare allerdings dabei, die kaum voran kommen, die Höhenangst haben oder kein vernünftiges Schuhwerk.  Alle wollen sie unbedingt und mit aller Macht Bewegungsenthusiast sein. Denn erst ein Bewegungsenthusiast hat ein Recht auf dieses, daran erinnern wir an dieser Stelle nur zu gern, endliche Leben.
Denn: Das Leben ist tatsächlich endlich. Im Tod aber wartet, hoffentlich, die Stille.

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