Die Xu, der Xi & Rüssel

Hat man so eine Chinesin schon mal gesehen? Die richtige Antwort lautet: Hat man nicht.  So offen, herzlich, zugeneigt, lustig wie Xu Fengxia,  das entspricht dem Bild des Chinesen  bei uns  so gar nicht. Der Chinese, der auch gern die Chinesin sein kann, ist doch nur in der Mehrzahl zu haben, undurchdringlich, zielstrebig, reinlich und noch was, das ich gerade vergessen habe, jedenfalls Merkmale, die dem Menschengeschlecht nicht direkt schmeicheln müssen.  Seit 1991 wohnt Xu in Deutschland, im Bischofssitz zu Paderborn genaugenommen, doch das darf als Entschuldigung für ihre offensichtliche Lebenslust nicht gelten. Der Deutsche entspannt ja auch nicht, wann er will. Sie hat in Shanghai in einer Rockband Bass gespielt, dann in klassischen Ensembles, ausgebildet ist sie allerdings an der Sanxian, einem banjoartigen Instrument, das mit einem rundem, oft mit Schlangenhaut bespannten Korpus, einem langen, bundlosen Griffbrett ausgestattet und mit drei Saiten bespannt ist. Eine Guzheng schleppt sie auch mit, ebenfalls ein Saiteninstrument, einer Zither im Klang und Aussehen nicht völlig unähnlich und offenbar, nach Xu’s Worten,  in jedem chinesischen und besonders: bürgerlichen Wohnzimmer, das was auf sich hält, aufgebockt. Xu hat von der/die/das Guzheng, um er/sie/es besser transportieren zu können,  ein Gutteil weggesägt.  Was sie da spielt, hat mit Wohlklang und Heimeligkeit periphär was zu tun, denn Xu ist von Fußsohle bis Haupthaar auf Improvisation aus.  Zur Improvisation kam sie über den besten deutschen Bassisten, den Jazzbassisten zu nennen sehr kurz greifen dürfte, über den 2001 verstorbenen Peter Kowald. Ich hatte nun das Glück, Xu  in den letzten Wochen zwei Mal bei Konzerten zu sehen; einmal bei einer privaten Veranstaltung im Duo mit dem Klarinettisten Udo Schindler, ein zweites Mal in einem Trio, dem East-West Trio, das es seit zehn Jahren gibt, mit dem Klarinettisten Sylvain Kassap sowie dem Cellisten Didier Petit. Beide Male zeigte sich Xu als eine vollkommene Herrscherin über das Geschehen – kraft ihrer musischen Fähigkeiten, aber auch, weil sie äußerst genau dem jeweiligen Partner zuhört.  Und loslegt, dass die Spähne nach allen Seiten und zuletzt doch in ein gemeinsames Gefäß fliegen. Das hat einen lustvollen Vigor, der einen unmittelbar einnimmt. Sogar der Franz, der improvisierte Musik nicht täglich zu sich nimmt, war  restlos hin – auch wegen der zwei Xu begleitenden Franzosen, das muß man der Fairness halber anmerken, die vergleichsweise viel Wind machten, dennoch immer wieder in die Spur des Gefüges fanden.  Man kann die Chinesen um Importe wie Xu nur herzlich beneiden. Zumal sie jetzt wieder in Shanghai auftritt, in gänzlich anderen Konstellationen, aber garantiert gut gelaunt.

PS
Da wir gerade von Herrschaft sprachen: Zu China kann einem zur Zeit so einiges einfallen.  Der Le Monde Diplomatique deutsche Ausgabe, immer ein lesenswertes Zeitungsformat und der taz – hier der Hinweis auf die Rubrik Top Ten, wo die taz vorkommt – ab und an freitags  beigelegt, berichtete zuletzt ausführlich über Chinas „One Belt, One Road“-Vorhaben, eine Art moderner Seidenstrasse, ein Vorhaben, das das mächtige Land, das mächtigste derzeit?, mit ziemlich allem und jedem in Europa und Zentralasien und sonstwo auf Schiene und Seeweg und Asphalt verbinden soll, der/die als des Handels würdig erachtet wird allerdings nur; und weil China auf den Territorien der früheren Sowjetunion mit Hilfe von Millionen schweren Investitionen konsequent agiert, setzt es auf jene kapitalträchtige Weise z.B. Rußland mächtig unter Druck.  Chinas Ideen können einem öfter einen Schauer über den Rücken und gelegentlich woanders jagen. In die Hände klatschen dürfte derzeit nur der Xi Jinping.

PS
Noch ein Wort, da wir unvernünftigerweise den Import erwähnt haben. Deutschlands, also unser aller, wagen wir zu behaupten, Exporte  nach China sind auch ein nicht uninteressantes Feld, das aber bitte ein anderer beackern sollte, nicht ich.  Wenn was aus Deutschland nach China sehr massiv kommt, dann, wie anders, Autos. Und Schweinerüssel und Schweinefüsse.  Das könnte  dann schon überraschen. Was die Lebensmittel angeht sind nämlich besonders diese Schweineteile die Nummer Eins unter den Exportwaren von der BRD nach  CHN. Das zumindest habe ich vor kurzem  im Radio – bei BR2 – gehört. So. Also: Kultur,  Seide und Rüssel, selbst das kann man mal zueinander führen. Allemal, wenn, nach einer anstrengenden Woche, die es noch zu  überleben gilt, die Not groß ist.

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