Das Dorf der noch Verdammteren

Der BR2, das ist einer der Radiosender um uns, den ich gegen 6.30 Uhr einschalte und dem ich halbwegs zuhöre, während ich Brote belege, bringt morgens gerade eine Serie, die vom Flächenfraß in Bayern handelt. 13 Hektar Natur gehen täglich in Bayern flöten, weil darauf etwas gebaut wird. Parkplätze vor Discountern, Straßen, Gewerbe- und Industriegebiete, Häuser und Häuschen, die kaum in die Höhe ragen und nicht etwa, wie es sinnvoll wäre, mehrere Parteien beheimaten, sondern mit wenigen Bewohnern eher in den Naturraum immer weiter hinein drängen; mit dem üblichen Garten also, nach strikten Vorgaben überdachtem Carpark etc. Nun. Der Discounter ist für den Arsch, das wissen wir, obwohl wir alle dann und wann beim besagten ARSCH mit schlechtem Gewissen oder aber hirnlos einkaufen. Der Discounter ist mächtig und gewissenlos, obwohl ja von unseren Mitmenschen gelenkt, und kauft sich in die Gemeinden meist ohne hörbaren Widerstand ein. Der Preis ist heiß, so hieß mal eine aus dem Konsumtempel namens USA importierte RTL-Werbesendung mit Harry Wijnvoord, die Discountern den Weg ebnete; so mein Verdacht zumindest. Der heiße Preis oder aber:  Alles eine Frage des Geldes – keine Sendung, lediglich ein gängiger Spruch; dem Discounter kann man letztendlich nur mit einer Gegenmacht beikommen, in Form von Kapital oder Wurfgeschoss, die Wahl der Waffen gehört nur uns. Ihn ARSCH zu nennen ist aber immerhin

ein Anfang. Nicht wesentlich, aber ein wenig anders verhält es sich mit dem Menschen nebenan. Vom Haus uns gegenüber sind gerade zwei Familien ausgezogen. Sie haben im Einheimischenmodell, für das die Gemeinde länger ansässigen Leuten Grundstücke zum vermeintlichen Toppreis überläßt,  Häuser gebaut.  Dass sie Anhänger von Flächenfraß sind, das dürften jene zwei Familien so vehement wie zwecklos verneinen, falls man sie denn überhaupt fragen wollte, obwohl sie doch wenn  schon nicht Anhänger so zweifellos Mitgestalter des Fraßes sind. Haben – auf Teufel komm raus oder rein, das wollen sie jedenfalls unbedingt; denn Eigentum haben ist der Traum und die Erfüllung und dem Herrgott, dem Nachkommen eines besitzlosen Zimmermannes, dessen Geburt wir vorm Kamin vom Baumarkt  bald feiern, grundlos  genehm und sichert das Überleben von Kind und Kindeskind auf Generationen hinaus. Ein Trugschluss? Können vier Wände aus oft genug minderwertigem, weil sparsam kalkuliertem, industriell hergestelltem Baumaterial einen Menschen oder auch eine Familie vor tosender Unbill der Welt schützen? Haben zieht jedenfalls der Mensch hiesiger Breiten offenbar der Venunft und dem Bewußtsein und der Empathie jederzeit vor. Weil ja haben und sicher haben die Wegweiser fürs Leben hierzulande sind. Wer hat, der ist auch. Das Haben bestimmt das Sein demnach. Dabei hat nicht jeder/jede der Bauherrn/-frauen das Geld, verschuldet sich auf Jahre bei Banken, tischt jahrzehntelang verschweißtes Discountermaterial morgens, mittags, abends auf, um Centbeträge einzusparen, lediglich um ein  jeder Individualität fernes Musterhaus vorzeigen zu können. Ein Irrsinn? Welch ein Irrsinn. Zumal auch noch pure Schande als Endprodukt heraus kommt. Die Wohngebiete sehen nämlich fast ausnahmslos nach einer Invasion von Nullachtfuffzehn aus. Doch es gehört sich so: Eigentum gibt grundsätzlich Sicherheit, das ist die so offensichtliche wie latente Weisung des Kapitalismus.  Investieren Sie noch heute. Nichts geht über eine Immobilie; die bleibt wertstabil. Der Bürger, sediert durch Wohlstand, der ewig währen soll, aber nie und nimmer währen wird, hält sich brav daran; lügt sich was , weil Lüge zu diesem Glückskonstrukt gehört.  Obwohl die Welt um uns, hält man die Augen nur einigermassen offen, vorwiegend auf Unsicherheit gebaut ist. Vielleicht sogar mehr denn je – wenn man sich all die Ungleichheiten anguckt, die Fluchtbewegungen, die Staatschefs vom Discounter. Sind wir nun alle bloß Rädchen in einem Schwachsinnsgefüge? Nicht alle, gottlob.
Wer jetzt FUCK OFF sagt, der nicht.

 

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