Ins Bein schießen. Wie es geht und wo genau es weh tut.

Um sich gepflegt ins eigene Bein zu schießen:  Autorenlesungen sind mir fremd.  Musikmachen kann ich nicht, das bisschen Kontrabass mit Alexander zählt nicht, aber lesen kann ich schon seit ein paar Jahren selber. Lesungen sind des Autors zusätzliche Einnahmequelle, schon recht, doch das Brimborium um den Schriftsteller verdeckt zu oft die Qualität des Bucherzeugnisses selbst. Es ist ja auch nicht zwangsläufig so, dass  jemand, der ein Buch geschrieben hat, aus ihm gut vorzulesen vermag. Schön und gut, man möchte ein Gesicht zum Erzeugnis, kann man schwer, aber vielleicht noch verstehen. Doch ein gegoogeltes Foto tut es auch. Möglicherweise sieht der Autor darauf sogar fescher aus als live. Man überschätzt bei Gelegenheiten wie Autorenlesungen den Schriftsteller und lässt ihn ungehindert die Welt deuten. Zwar befindet er sich unter Umständen mehr in der Öffentlichkeit als der Durchschnittbürger, der öffentlich lediglich U-Bahn fährt, ins Programmkino geht oder zum Italiener, aber Wegweisendes zu erzählen muss er nicht unbedingt haben. Aus unerfindlichen Gründen scheint er befugt, den Fleck auf der Hose genauso zu kommentieren wie die Herzrhythmusstörungen des Universums.  Unerfindliche Gründe? Diese Fehleinschätzung des Autors könnte aus einer Zeit stammen, als es noch Universalgelehrte  gab, die halbwegs vernünftige Prosa schrieben, aber von Dingen außerhalb des geschriebenen Wortes mindestens ebenso halbwegs Ahnung hatten. Der Universalgelehrte, der ungefähr mit den Dinosauriern einging, konnte jedenfalls noch was von Nachhall und Bestand sagen, sogar dem unaufgeklärten Menschen einen Tipp von Wert für die Lebensgestaltung geben. Heute macht einen die Vielfalt der Stimmen platt, das Leben gestaltet allenfalls der Routenplaner. Grundsätzlich gilt, zumindest für mich, fast dies: Der Autor schreibt. Er schreibt nicht umsonst. Er möchte nicht reden. „Ins Bein schießen. Wie es geht und wo genau es weh tut.“ weiterlesen

Das Verschw

Welch großartige Darsteller – und besonders: Nebendarsteller, selbst in den kleinsten Rollen. Das gab es  im deutschen Fernsehen nie, oder, vorsichtiger angefaßt,  äußerst selten nur; das zumindest hat zweifelsohne Hollywoodformat. Man staunt über die Detailarbeit und vergißt darüber fast den Inhalt von dem Vierteiler  – à 1,5 Stunden – „Das Verschwinden“, der gerade in der ARD gelaufen und in deren Mediathek noch im November zugänglich ist.  Dabei ist der Inhalt fast genauso großartig.  In der oberpfälzischen Provinz, ganz nahe der tschechischen Grenze,  verschwindet ein 19jähriges Mädchen – der Motor, der etliche Personen in die Gänge setzt. Die Mutter des Mädchens zuvorderst, die es voll Willenskraft sucht, dann die zwei Freundinen, die eine kurz vor Abitur, die andere 20 und an sich in Bayreuth beim Studium; plus deren Familien. Plus den türkischstämmigen jungen Mann, der die Mädchen mit Drogen versorgt hat; plus dessen Familie plus eine Handvoll Kriminalbeamte plus BKA-Handlanger plus den und diesen. Jeder Figur, noch der klitzekleinsten unter ihnen, wird hierbei die volle Aufmerksamkeit geschenkt, sie wird wenigstens kurz mit knappen Sätzen oder signifikanten Bewegungen dargestellt, die freilich einen ganzes Lebenskosmos evozieren. So entsteht mehr Kunst denn blosses Fernsehen .  Eine Lüge hat hier jeder parat. Oder hat sich gleich in ihr – der Lebenslüge – eingerichtet.  Einfache Lösungen gibt es nicht. Nichts läuft jedenfalls geradling, nahezu alles ist mehrschichtig oder gar bis zur Unkenntlichkeit verworren angelegt.  In der Kleinstadtatmosphäre mit deren Zuständen ist man sofort drin.  Das liegt in erster Linie an der Arbeit eines erfahrenen „Das Verschw“ weiterlesen

Der Bund macht Mali

Jetzt mal zur Abwechselung eine Frage von Gewicht: Wer ist denn hier ein Freund von Reality-TV? Aha. Etwa, weil man dort das faktische Leben beobachten kann? Das könnte eher falsch sein. Fakt ist bestimmt, dass bei dieser Art von TV  keine Schauspieler am Werk sind, sondern Menschen von der Strasse als Selbstdarsteller – die vermutlich die Kamera, die sie begleitet, nie vergessen.  Es sind auch Orte da, die tatsächlich existieren und nicht Kulissen & Bauten. Insofern real. Was aber beim Dreh zum Teil zu passieren hat, wie das Material später bearbeitet wird, ist wiederum höchst sugges- und subjektiv und folgt einem Storyboard. Weil ja Reality-TV gesehen werden will und sich folglich, als  Abbild aktueller gesellschaftlicher Vorlieben, um Spannung und Dynamik bemühen, d.h. den Sehgewohnheit der Zielgruppe folgen muß, die Quote stets im Blickfeld. Nun eine andere Frage, die in die gleiche Kerbe dreschen mag: Hat jemand die Werbung der Bundeswehr für Mali gesehen? Auf den Bildschirmen am Hauptbahnhof vielleicht? Sieht aus wie die Werbung für Call of Duty. „Der Bund macht Mali“ weiterlesen

Heimgarten

Der Mensch gibt und findet keine Ruhe.  Er muß tun, um sich zu vergewissern, dass er lebt.  Erst im Tun spürt er das Gewicht, das Leichtgewicht, wenn es gut läuft, seiner Existenz. Erst durchs Tun bemerken ihn auch die Mitmenschen. Es ist vielerorts ein Zwang, so sehr von innen wie von außen gemacht. Der eine Mensch muß tun, weil der andere auch was tut; des Geldes wegen, das verdient gehört natürlich auch, aber ja. Man gönnt dem Mitmenschen  gewöhnlich keine Eskapaden ins Nichtstun. Wenn er, der Mensch von vorhin,  also nix tut und ihn einer etwa fragt „Was tust Du denn den ganzen Tag lang?“, dann muß eine gescheite Antwort her und nicht ein unter Umständen wahrheitsgemäßes: Nix. Hieve tagein tagaus  Zement hoch, darf es heißen. Stempel was, weiß aber nicht so recht was eigentlich. Oder: Bin bei der Feuerwehr und rette gelegentlich ein Leben. An die Arbeit, das ist der ausschlaggebende Punkt für diesen Text, schliessen direkt die Freizeitaktivitäten an, die nach fleißiger Bewegung verlagen, nach laufen, springen, weitwerfen. „Heimgarten“ weiterlesen

Die Xu, der Xi & Rüssel

Hat man so eine Chinesin schon mal gesehen? Die richtige Antwort lautet: Hat man nicht.  So offen, herzlich, zugeneigt, lustig wie Xu Fengxia,  das entspricht dem Bild des Chinesen  bei uns  so gar nicht. Der Chinese, der auch gern die Chinesin sein kann, ist doch nur in der Mehrzahl zu haben, undurchdringlich, zielstrebig, reinlich und noch was, das ich gerade vergessen habe, jedenfalls Merkmale, die dem Menschengeschlecht nicht direkt schmeicheln müssen.  Seit 1991 wohnt Xu in Deutschland, im Bischofssitz zu Paderborn genaugenommen, doch das darf als Entschuldigung für ihre offensichtliche Lebenslust nicht gelten. Der Deutsche entspannt ja auch nicht, wann er will. Sie hat in Shanghai in einer Rockband Bass gespielt, dann in klassischen Ensembles, ausgebildet ist sie allerdings an der Sanxian, einem banjoartigen Instrument, das mit einem rundem, oft mit Schlangenhaut bespannten Korpus, einem langen, bundlosen Griffbrett ausgestattet und mit drei Saiten bespannt ist. „Die Xu, der Xi & Rüssel“ weiterlesen

Trikont

Um es mir diesmal besonders einfach zu machen, doch immerhin aus gutem Anlaß, hänge ich unten einen Artikel dran, den ich für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) 2009 geschrieben habe. In diesem Herbst feiert Trikont 50 Jahre seines Bestehens, und das muß unbedingt gewürdigt werden. Mit einem alten Text wie dem hier –  oder aber einem neuen, der demnächst bei der NZZ erscheinen wird, wenngleich er im Grunde den gleichen Ton wie ehedem anschlägt. Vor Trikont verbeuge ich mich aber auch zweifach gern. „Trikont“ weiterlesen

Huglfinger Blues

Am letzen Sonntag gab es auf dem Biobauernhof den Blues; nicht Demeter-zertifiziert zwar, aber gut verdaulich allemal. Im Rahmen eines Hoffestes gab es den, wo eher kleinere Bioanbieter ihre Stände aufbauten, der von den Grünen einst tägliche geforderte Veggiebürger gereicht wurde, aber auch einer mit zermahltem Rind zwischen der Semmel, wo Weißbier floß und Kuh und Schaf und Mensch sich von 10 bis 18 Uhr glücklich wähnten. Ich selbst hänge nicht sonderlich am Blues, wegen arger Monotonie, die in den neueren Zeiten vor allem, als die Briten den Blues endgültig elektrifizierten, zu oft in die Behaglichkeit führt (es sei denn, man heißt Robert Johnson oder Leadbelly oder Son House, dann  sind – wie ursprünglich – Dringlichkeit und Bodennähe da), doch die Williams Wetsox-Combo, die mag ich schon. Lokal sind sie seit Jahren eine verlässliche Größe. Vor allem ihr Leader, der Williams Fändrich aus Huglfing. Sie bespielen gern  Biergärten, eher alternativ ausgelegten Kneipen oder gleich das Lokal „Hey Schaffner“, das im Huglfinger Bahnhofsgebäude ansässig und mit behaglicher Atmosphäre sowie einer sehr anständigen Kaffee-Kuchen-Kombination ausgestattet ist und, das eine Information vom Hörensagen, von Leuten aus dem Fändrich-Kosmos betrieben wird. „Huglfinger Blues“ weiterlesen

Wypas!

WYPAS – diesmal keine Konsonantenhäufung, die an sich ja im Polnischen zum guten Ton gehört, aber dennoch fürs deutsche Ohr ein fremdes Wort, das ungefähr jenes meint: Sich gehen lassen, wie es das Getier auf der Wiese macht und  sich bis circa Oberkante Gutes antun. WYPAS also. Wir machen auf dieser Seite ja keine Werbung. Diesmal schon. Obwohl keine Veganer, werben wir für das Restaurant WYPAS, das eben Veganes äußerst gut schmeckend und durchdacht serviert, mit seinen Preisen nicht übertreibt und sich zudem auf überzegende Weise leger bzw. alternativ gibt. Eine kleine Hürde könnte eventuell sein, dass sich jenes Restaurant nicht gleich um die Ecke befindet, wenn man etwa in Oberbayern lebt. Von Berlin aus geht es aber – mit ein wenig gutem Willen zumindest. Da sind es nämlich nach Poznan/Polska, wahlweise  Posen/Polen, wo WYPAS in der ul. Jackowskiego 38 residert,  zweieinhalb Stunden mit dem EC; für einen Fußballanhänger, einen verbissenen Kunsttouristen, einen devoten Konzertgeher kaum eine Entfernung. „Wypas!“ weiterlesen

Les amis. Vôlümèé 2

40 Euro im Deux Magots. Inklusive Trinkgeld immerhin. Der Schokoeclaire muss tatsächlich um die 11 Euro gekostet haben. 6,80 die Cola für meinen Sohn, 13 der Croque Monsieur mit dem kleinen Salat, ebenfalls für ihn, der Kaffee wie viel, 7 bis 9 ungefähr wahrscheinlich. 37 Euro noch was insgesamt plus das Trinkgeld auf eben 40. Das heißt: der Eclaire um die 10. Was tut man nicht alles, um Paris die Gegend von Saint-Germain-des-Prés der Fünfziger- bzw. Sechzigerjahre, kurz, wenigstens kurz nur nachzuvollziehen, für einen Hauch Nostalgie also. In meinem Fall auch Nostalgie, die drei Jahre zurück liegt. Ins Deux Magots kehrte ich nämlich damals mit dem Manfred ein; wir übernachteten um die Ecke, im La Louisiane, wo auch „Round Midnight“ mit Dexter Gordon gedreht wurde und fuhren abends mit der Bahn in häßliche Außenbezirke ein, um Milford Graves, James Blood Ulmer oder Dave Burrell mit William Parker zu hören. Zwei, drei Mal besuchten wir das ruhmreiche Lokal (Deux Magots), weil wir feststellten, dass für den Kaffee in Paris allgemein üppig was verlangt wird; da zahlten wir gern die zwei Euro drauf, um uns einen Lufthauch lang, Manfred ist ein hoch belesener Mensch, in die Fünfziger einzubilden – als hier die Existenzialisten verkehrten, die Simone mit dem Jean-Paul u.a., aber auch trunksüchtige Realisten wie Ernest H. Um den Ort drehen sich Geschichten allerart. Zum Beispiel um den Clochard von der nahegelegenen Pont Neuf-Brücke, über die der Carax Leos einen nicht wenig durchgeknallten Film gedreht hat, der in  Studienkinos seinerzeit bei  Nachtvorstellungen lief, wie z.B. in Freiburg im Breisgau zu meiner Studienzeit – doch bei der Stange jetzt bitte: der Clochard. „Les amis. Vôlümèé 2“ weiterlesen

Valérian et Laureline

Wenn man sich schon mal in Frankreichfieber befindet, nach Macron und Ausflug zum Partnerdorf – wir berichteten – und Tour de Schinderei (plus doping à la carte selbstredend) zuletzt, hält man die Temperatur aus weniger Gesundheits- sondern mehr Lustgewinngründen konstant. Dann darf man sich aber auch nicht zu schade für einen Film des erfolgreichsten französischen Filmemachers sein: einen Film des Luc Besson. (Eines Besson, der leider Gottes und trotz – für Frankophobe allemal – Beinahe-Klanggleichheit des Namens, so gar nichts mit dem großen  Regisseur Robert Bresson, né 1901, gestorben 1999, zu tun hat. Schauen Sie sich Taschendiebe an, dann reden wir hierüber bei Bedarf weiter.) Besson ist, durch  cineastische Brille näher besehen, kein echter französischer Filmemacher, d.h. kein Truffaut  oder Verwandtes. Zudem hat er auf dem Filmsektor – cineastischer Brille: die 2 – ohnehin bislang nicht viel von Gehalt zustande gebracht.  Er hat sich ans Hollywood mit wechselnden Erfolg angeschmiegt, das stimmt; ohne ein Individualist zu sein, auch das stimmt. Keine eigene Handschrift seinerseits,  ein Kindskopf vielmehr ist er, der um Genres genau weiß, deren Grenzen aber nicht signifikant überschreitet. Hat aber nun 200 Millionen Dollar/Yen/Peseten  zusammengespart, um eine in Frankreich sehr populäre, sonst aber wenig bekannte Comicserie zu verfilmen. Besson hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und Valerian produziert. (Die Comicserie heißt Valérian et Laureline, der Film aber, wie ungerecht, hat zwar einen Helden und eine Heldin, führt aber nur den Mann im Titel. Dieser Blog aber will Gerechtigkeit um jeden Preis, ob Comicgestalt oder nicht, deshalb: betitelen wir im Original.) „Valérian et Laureline“ weiterlesen