Cecil Taylor meets Das Schweinesystem

Und wieder ein Toter. Obwohl wir den Tod vor zwei Wochen mit einem hartgesottenen Text an dieser Stelle zu bannen versucht haben. So ein Ärger aber auch. Noch sind wir offenbar nicht soweit, noch können wir auf zwei, drei Dinge keinen Einfluß nehmen. Das darf bedauern, wer will.  Wir halten uns, dies unsere Bestimmung seit jeher, an die Fakten. Denn anders als die Tränen und damit Michael Holm, lügen Fakten nicht. Cecil Taylor ist demnach nach wie vor tot.  Obwohl er uns an Unberechenbarkeit ein Beispiel war, auf ihn sollte die Zeile unterhalb dieses Blognamens verweisen, und deshalb gar nicht sehr verwunderlich wäre, wenn er sich vom Totenbett erheben und uns noch einmal, ein letztes Mal, tüchtig erschrecken würde. Mit einem simplen Buh! oder mit einem seiner impulsgesteuerten Läufe auf der Klaviatur, die nie ausreichend lang war, um all das unterzubringen, was er zu sagen hatte, einem jener Läufe, die alle, ich lüge nicht, tatsächlich alle Facetten des Lebens darlegten. Das wird leider nicht passieren. Es bleibt uns nur Erinnerung und Schall und Rauch. Vor allem der gut erinnerbare massive, wenngleich disparate Schall, denn der war bei Taylor von umfassender körperlich-seelischer Wirkung. Ließ man nur ein bißchen locker, ließ sich ein, machte der Schall einen alle. Meistens auf die gute Art alle. Fegte einen aus. Wie kein Besen, nicht mal der von der Kleinen Hexe, deren Verfilmung ein Erfolg zu sein scheint und der man es, u.a. weil Ottfried Preußler, der Filmvorlagengeber, ein zuverlässig netter und zudem imaginativer Onkel war,  gönnen würde, jedenfalls: wie es gar kein Besen es je vermag. Taylor gegenüber wurde man im besten Fall zur Hülle ohne Inhalt. Sowas wie ein ursprüngliches Gefäß wurde man gar, das für jede Schandtat aufnahmebereit war, rein und willig. Katharsis hieß nämlich Taylors bevorzugter Acker. Ohne hochzustapeln bzw. wenn, dann lediglich ein wenig, hätte man sich einreden können, dass während eines Taylorkonzerts ein Urzustand erreicht war, ein Zustand vor dem Geschehen, vor der Schöpfung… Momentchen, wie Axel Milberg als Kiostbesitzer Herr Schräubelein, der pedantische Diminutiv-Obsessionist, auf der CD „Kasperl und das Kugeleis“ so treffend sagt; Momentchen. Das könnte jetzt leicht esoterisch werden, was Taylor nicht gut anstehen dürfte. Nein, er war nicht gottgleich; nicht gottgleicher im Prinzip als wir alle wahrscheinlich; da hat der Karl Bruckmaier, der in der Süddeutschen Zeitung einen allzu aus dem Ärmel geschüttelten Nachruf verfaßt hat, der eher eine Bruckmaierstruktur offenlegte denn die exorbitante Beschaffenheit des besichtigten Toten und auch noch erst Montag veröffentlicht wurde, wo doch Taylor am Donnerstag bereits verstorben ist, was der Süddeutschen unter keinen Umständen schnell vergeben werden darf, da hat der Bruckmaier Karl tüchtig unrecht. Taylor war zwar auf seine Weise in den Wolken unterwegs, doch stets eben auf unverkennbar seine, mit einem eigenwilligen,  unserer Gottvorstellung fernen Impetus; nie zeus-, prometheus-, shivagleich. Er betonte zu jeder Sekunde seine Individualität, ob in Musik, Tanz, Mode, Poesie oder in der wildgewürfelten Wissensvermittlung beim Gespräch. Individualität tut gut, das gehört nicht nur im Angesicht des Todes unbedingt mitgenommen; tut gut in Zeiten all zu großer Identifikationen des sowieso sozioökonomopolitisch auf Linie gebrachten Menschen, des optimierten sehr jungen Menschen mitunter, der Taylor allenfalls als einen durchgedrehten Opa wahrnimmt, mit allerhand Corporates, die man früher Unternehmen nannte, linkerhand aber Allesfresser oder DAS SCHWEINESYSTEM. Er stauchte einen gar nicht unbedingt bewußt bis auf die Gefühlswelt oder DAS NICHTS zusammen. Man hatte sich angesichts von Taylor auf die ganz persönlichen Eigenheit zu besinnen, aber immediately, das war die wichtige Botschaft, die er nie aussprach. Er sprach sie aus dem einfachen Grund nie aus, weil er sie vorlebte. Es fällt mir gerade auf, dass Taylor nie ein Sideman war. Niemals bei Aufnahmen eines anderen Musikers Klavier gespielt hatte; auch lediglich in seiner Startphase Stücke coverte. Er war sein eigener Herr, der seine so persönlichen wie verschlungenen Wege von Beginn bis zum Ende ging. Man folgte oder ließ es. Dass man ein bißchen folgte, das ging fast nicht. Er vereinnahmte ganz, so groß war sein Individuum. Nie, werden wir mal kurz radikal, hatte er sich verbogen. Ein Vorbild an Standhaftigkeit. So sah es von außen aus, das als Vorbehalt. Er litt, das ist bekannt, wurde lange verkannt und hatte kein Geld, machte aber durchgehend SEINS.
MEINES, von ihm aus gesehen.
Wer mit Cecil Taylors Musik nichts anzufangen weiß, der nehme bitte wenigstens die Prägnanz der Druckbuchstaben mit.

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