Das Dorf: verdammt

Feinden auszuweichen ist nicht leicht. In Baltimore offenbar sowieso nicht. Leichen pflastern die deformierten Straßen der Hafenstadt in Maryland jedenfalls; das zumindest versuchte uns die Fernsehserie The Wire beizubringen, deren Kurzbesprechung sich auf diesen Seiten bei den Top Ten befindet – nach, gelobt sei der Herr, ungefähr zehn Jahren seit der Erstausstrahlung. Doch auch hier schon, in diesem, ich zeige gerade darauf durchs mittelmäßig gereinigte Fenster, überaus verdammten Dorf,  zieht man sich im Laufe der Zeit fast zwangsläufig, ist man nicht gerade ein äußerst christlicher/rückgratloser/bis zur Selbstaufweichung rücksichtsvoller Charakter, wenn nicht Feinde heran, so doch zumindest passable Gegner. Wie dann ihnen auf einer Gemeindeläche von 14 Quadratkilometern, wovon 3 vielleicht auf DAS DORF fallen, ausweichen? Wie beim Bäcker? Wie im Regionalzug in die Landeshauptstadt? Oder beim Fest der freiwilligen Feuerwehr? Unmöglich fast. Also müssen Taktiken her.  Bei  Feindsichtung tut man, als sähe man woanders hin; als müsse man an die losen Schnürsenkel partout jetzt ran; als sei man in ein Selbstgespräch verstrickt.  Stimmt schon, man sucht die Konfrontation, allemal als Wohlstandsbürger, mit der Bequemlichkeit demnach per du, selten. Greift nicht zur Schrotflinte, und Ruhe in der Kartonage ist. Das semifeige Ausweichen geschieht bewußt, denn eine offene Konfrontation, das berichtet die ERFAHRUNG, reißt einen des Öfteren noch tiefer rein. Für Handgreiflichkeiten wird man schnell belangt, das Leben ist aber zu kurz für viel öffentlichen Ärger.  Leider tut sich das Individdum mit der Impulsunterdrückung, die ja der Zivilisationsprozeß und dann die Gesellschaft von uns verlangt, nicht immer einen Gefallen.  Es beginnt in einem tüchtig zu brodeln, wenn man die Person erblickt, die man so gar nicht anblicken mag, Unrecht und Weh kommen hoch,  die Flinte bleibt am Wandhaken, das Brodeln aber hört einfach nicht tags und nicht nachts auf; d.h.:  Man trägt den Ärger, der in einem wirkt bis in alle Ewigkeiten und darüber hinaus mit sich und wird nicht glücklich dabei. In solcherlei Augenblicken verwünscht man die Dorfenge. In einem Flecken mit 2000 Seelen, davon ein Gutteil Trockenfutter, ist man vor allem eins: verdammt. Verdammt auch dazu, sich auf dem Weg zum Bäcker von Frau H.  in längere Gespräche über Nichtigkeiten verwickeln zu lassen.  Obwohl man es ja eilig hat.  Oder aber verdammt, Gerüchte von Krankheit und Geldsorgen und Unvermögen abzuwehren. Wahrlich verdammt – und zugenäht auch noch. Allerdings: Im Dorf herrscht das ungeschriebene, aber fest zementierte Gesetz vom Auskommen – und zwar allesamt miteinander, ohne Unterschied, egal ob Idiot oder nur Depp. Trockenfutter zum Miteinander zu bewegen, das ist eines der Kunststücke, die gewöhnlich nur biegsame Bürgermeister beherrschen, weil sie ihr Dorf um jeden Preis zusammenhalten, jedem Einzelnen das Gefühl von Gewicht vermitteln wollen, obwohl sie sehr wohl Schrot von Schrott unterscheiden können. Wie eben erwähnt, das Auskommen ist eine Verbiegungskunst.  Mit der man allerdings, entgegen der Behauptung von Olaf S. aus P. bei D., im Zirkus Krone nicht auftreten darf.  Vor allem deshalb nicht, weil diese Art von Kunststück nicht spektakulär genug ausfällt, weil wir alle miteinander ja Verbiegungstaktiken feiertags wie alltags gut beherrschen.  Eine Reihe von Fragen wären an dieser Stelle berechtigt. Muß man denn mit allen auskommen? Wo bleibt da der Mut zur Lücke? Warum nicht den/der einen Besagten  sehr offenen Auges anblicken, sodass derjenige/diejenige Standhaftigkeit oder sogar festen Charakter merkt und wenigstens einen Anflug von Einsicht und/oder Scham empfindet? Ein Kraftakt zweifelsohne für uns brave Pazifisten. Ein Kraftakt zu viel? Dabei gibt es genügend Menschen, die Konfrontation als Lebensmodell favorisieren und damit, durch Gottes unfassbare Gnade zweifelsohne,  anders kann man sich das nicht erklären, ihren Lebtag lang durchkommen. Die über einen Pegel an Härte verfügen, der konstant bleibt. Doch, nein. So wollen wir niemals sein. Denn das ist: doof.

P.S.
Neuerdings fördert ein Discounter den Vampirtourismus.  Ab 499 Euro pro Person mit Flug geht es nach Transsilvanien, auf Draculas Burg, die auf dem Foto, mit dem der Discouter die Reise auf einem Plakat gegenüber der Kasse bewirbt, wie ein Burg unter vielen aussieht, gut erhalten, kompakt, mit einer Reihe von Türmen, aber nicht auffällig blutbefleckt. Hierbei könnte man locker einen Übergang zu Menschenfeinden auf Burg und im Dorf hinbiegen, das: ein Leichtes, aber da fiel mir ein, wenn wir schon beim Werben sind, dass ich ein Buch geschrieben habe, das ein gekaufter, namhafter, wenn nicht gar ruhmreicher Rezensent, circa zu Draculas Lebzeiten, „eine Vampirnovelle für gebildete Stände“ genannt hat.  Auf dieses Buch weise ich jetzt nur zu gerne hin: http://wortshaker.de/blank-der-horror/

Eine Antwort auf „Das Dorf: verdammt“

  1. Herr, lass mehr Doofe unter uns weilen. Sonst nutzen die anderen, die nämlich mit dem feinen Gespür für Handlungsspielräume, ganz fix ihre Chance und pressen all die servilen Devoten genau wie die devoten Servilen in ihre eigenen Plätzchenformen. Meist fängt man ja bei den Kindern an, die werden, Schritt 1, strammer erzogen und spielen nicht mehr nur blöd rum oder hängen auf Bäumen ab. (Etwas bös könnte man auch formulieren: Johanna Haarer 4.0.) Die Erwachsenen, die Pendler vom Dienst, hat man in der Vergangenheit schon produktivitätsoptimiert. Die programmieren in der hoch bezahlten akademischen Ausfertigung heute sogar Softwareabgasentgiftungsabschaltvorrichtungen für schmauchende Diesel, wenn man ihnen das nur entschieden genug anweist. Oder sie wählen immer und immer wieder solche Politiker, die den Chefs der Softwareabgasentgiftungsabschaltvorrichtungsprogrammierer Halstabletten reichen, wenn mal mehr gebrüllt werden muss, weil der Abschaltcode nicht gut genug versteckt wurde. Äh, worauf will dieser Kommentar eigentlich hinaus? Ah, auf das verdammte Dorf, aus dem, eh man sich versieht, ganz fix ein ganzes verdammtes Land wird. Und das ist ja, als wir es schon mal hatten, nicht wirklich gut ausgegangen. Deshalb wünscht man sich eigentlich, dass doch ein paar Bürger und Bürgermeister die Eier haben, die es manchmal braucht, um den Feinden ins Gesicht zu schauen und manchmal auch zu spucken.

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