Der Tod ist da

Achim Bergmann ist gestorben. Anfang des Monats bereits, doch trauern kann man ja länger als bis vorgestern. Zur Beerdigung ist sogar Winfried Kretschmann erschienen, der Ministerpräsident und Freund des Verstorbenen,  der Bergmann völlig angemessen der Querdenker-Kategorie zurechnete – und illusionslos sowie pointensicher hinzufügte: „Nicht wie heute. Heute ist einer schon Querdenker, wenn er überhaupt denkt.“ Dann sagte er noch, hübsch Theo W. Adorno auf den Kopf stellend: „Für Achim lagen im Falschen auch Momente des Richtigen.“ Im Nachruf seitens der Pressestelle des von Bergmann geleiteten Plattenlabels hieß es über Achim Bergmann wiederum: „Bayerischer Anarchist und das Herz des Trikont-Verlages“.  Und das mag auch stimmen. Mag stimmen, oder nicht ganz. Denn vielleicht war Bergmann ein Anarchist, für mich aber nicht unbedingt. Weil: Seit wann sind Anarchisten für Ideale oder gar Utopien zu haben? Jetzt sollte ich nicht so tun, als hätte ich Achim Bergmann gut gekannt, aber er war für mich einer – in  Zeiten der Biegsamkeit nach allen Seiten besonders auffällig – der vermutlich Letzten des Idealhabenfachs.  Sozialisiert in den Endsechzigern, von Veränderungswillen in umfassender Hinsicht wohl getrieben,  humane Relevanz stets vor Augen, mit großem Herzen für die niederen Ränge des Menschheitsgeschlechts versehen – wer will da derzeit oder überhaupt mithalten. Ich traf Achim Bergmann nur zwei Mal, die Begegnungen reichten aber aus, um Tiefenwirkung hervorzurufen. Endlich einer mit Rückgrat, dachte ich mir da unter anderem, endlich einer, der sich für eine umfassendere Sache als das eigene Wohlbefinden erhitzt. Ja, man wurde direkt neidisch. Er wollte in seinem Segment, in der Musik, etwas von bleibender Wirkung für die Gesellschaftsordnung anzetteln, am besten die Verhältnisse zur Gleichheit hin ändern.  Die Verhältnisse grundlegend zu ändern, ein Blick um sich reicht da, gelang ihm nicht; im Kleinen wiederum wirkt Bergamann nach und wird es mit Sicherheit noch lange tut. Er hat Eindruck hinterlassen und Menschen mit seiner überzeugenden, sich unmittelbar übertragenden Standhaftigkeit deutlich beeindruckt – die von ihm herausgebrachte Musik war sowieso und nahezu immer von Belang. Gehe also hin in Frieden – und weil wir von einem Bayern aus dem Sauerland sprechen: Habe die Ehre … gehabt leider inzwischen.  Noch was als Nachklapp. Als eine Art Vermächtnis darf das schöne Buch über die Trikont-Geschichte gelten, das vor kurzem erstaunlicherweise, da der Verlag doch in POPULÄR macht und sich in den Krallen von Random House befindet, bei Heyne erschienen ist; unbedingt zu empfehlen, was ich ja bereits auf diesen Seiten am 5. Oktober 17 tat. Jawohl, wie der Preuße sagt, und dabei reflexhaft die Hacken zusammenschlägt: Der Tod wird gegenwärtiger je weiter es im Alter voran geht. Leute werden krank, sterben um einen, Endlichkeit scheint durch.  Was tun? Leben wahrscheinlich. Weil es doch allerlei Kleinteiliges hier und dort gibt, was mit Glück verwechselt werden kann.  Zu pessimistisch? Bitte nicht jetzt. Der Frühling kommt doch. Schweren Schrittes, aber er kommt gewiss.  Die Starmännchen fordern die Weibchen von den schneebedeckten Zweigen aus zu Verzweifelungstaten auf.  Ins Geäst schießt der Saft, so dass es hörbar knospert.  Die Erdbeerzeit naht.  Die Urlaubsplanung für August, ital.: agosto, steht schon; steht schon seit agosto letzten Jahres… Der Kreislauf hat einen wieder, kein Auskommen mehr; Hans Söllner aus Bad Reichenhall, ein von Trikont auf Gedeih und Verderb geförderter Liedermacher, würde in diesem Zusammenhang bestimmt vom Hamsterradl sprechen, womit er so falsch nicht läge.  Wir sind in den Umständen allzeit gefangen, das ist keine Neuigkeit. Wir handeln zu selten unserer Natur gemäß, folgen ausgetretenen Routen und den falschen Gestalten. Zu pessimistisch erneut? Pessimissmus – der Winter war lang und geht in Wahrheit niemals zu Ende –  ist die  Avantgarde des Frühjahrs; sagte vor Urzeiten ein semiweiser Mann, könnte Erasmus von Weizsäcker oder aber SpongeBob gewesen sein. Für den Frühling, vor allem als Vorbote des Sommers, würde sich der Videoclip zu „Zaun“ von Kofelgschroa anbieten, den es aber leider nicht mehr frei anzuschauen gibt, wo aber der Band-Sänger und  -Songschreiber Maxi Pongratz in einer extrem fabelhafter Kurzhose auf dem Radl in bayerischer Landschaft umeinander fährt; sofern mich die Erinnerung nicht trügt. Dafür gibt es eine Reihe anderer Clips von dieser echten Band, die auch sehr gut geraten sind,  hier der Verweis:http://kofelgschroa.by/videos.  Freilich sind auch Kofelgschroa, wie es sich für so viele gute deutschsprachige Bands gehört,  bei Trikont groß geworden. Es gelingt mir auf Anhieb keine Parallele irgendwohin, wenn ich vom Tod von Mark E. Smith spreche. Er war seit Jahrzehnten der Kopf und die einzige Konstante bei The Fall aus Manchester.  Um diese Band zu loben, deren so kraftvolle, die Welt verachtende zwar, aber überaus vitale, mitreißende Attitüte zu loben, dürfte hier der Platz zu knapp ausfallen. Es ist bitter. The Fall waren mit meine Lieblinge, die richtig Falschen im falschen Richtigen, aber live gesehen habe ich sie nie; und werde sie nun nie live sehen können. Das ist nicht pessimistisch, nur sehr traurig, weil endgültig. The Fall waren gut 40 Jahre lang und zuverlässig ein Widerhaken und Smith ein eigener Kopf. Insofern vielleicht doch eine Parallele zu Achim Bergmann?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*