Huglfinger Blues

Am letzen Sonntag gab es auf dem Biobauernhof den Blues; nicht Demeter-zertifiziert zwar, aber gut verdaulich allemal. Im Rahmen eines Hoffestes gab es den, wo eher kleinere Bioanbieter ihre Stände aufbauten, der von den Grünen einst tägliche geforderte Veggiebürger gereicht wurde, aber auch einer mit zermahltem Rind zwischen der Semmel, wo Weißbier floß und Kuh und Schaf und Mensch sich von 10 bis 18 Uhr glücklich wähnten. Ich selbst hänge nicht sonderlich am Blues, wegen arger Monotonie, die in den neueren Zeiten vor allem, als die Briten den Blues endgültig elektrifizierten, zu oft in die Behaglichkeit führt (es sei denn, man heißt Robert Johnson oder Leadbelly oder Son House, dann  sind – wie ursprünglich – Dringlichkeit und Bodennähe da), doch die Williams Wetsox-Combo, die mag ich schon. Lokal sind sie seit Jahren eine verlässliche Größe. Vor allem ihr Leader, der Williams Fändrich aus Huglfing. Sie bespielen gern  Biergärten, eher alternativ ausgelegten Kneipen oder gleich das Lokal „Hey Schaffner“, das im Huglfinger Bahnhofsgebäude ansässig und mit behaglicher Atmosphäre sowie einer sehr anständigen Kaffee-Kuchen-Kombination ausgestattet ist und, das eine Information vom Hörensagen, von Leuten aus dem Fändrich-Kosmos betrieben wird. Keine Ahnung, ob der Blues  speziell ins Mississippidelta und nach Bayern  oder nach überall gehört, wo Menschen willig sind, ihr Schicksal zu beklagen. Eine Tenne mit grobbehauenen Balken unterm Dach, darunter diesmal die Bühne für die Wetsox,  könnte auf alle Fälle eine  entscheidende Voraussetzung für einen anständigen Bluesbetrieb sein. Dazu das an Wortschöpfungen nie arme Bayerisch, zwischen Elastizität und Starrsinn und Gottesmutter Maria und dem Daseinsfluch  ganz allgemein gefangen. Das ist eine wilde, mitunter tatsächlich beklagenswerte Gemengelage. Wobei Fändrich eher nüchtern, oft  geschlossenen Auges allerdings, in seinem persönlichen Bayerisch beklagt. Vom unter  seinem Schnauzer her, mit keiner sonderlich tragfähigen, dafür naturnahen Stimme prägt er uns ungefähr dies ein: Ohne Bienen kein Honig. Ohne Bienen keine Natur. Er fährt auch mit dem Zug nach Oberammergau. Zählt die nahliegenden Käffer recht akribisch auf. Besingt zur verstärkten Gitarre das Ammertal, wo er seine Sorgen gebündelt los wird. Das kann hier und in der Tenne sowieso  jeder nachvollziehen, weil sich die vorgeführten Wahrheiten  in jedermanns Alltagsgeschäft einfinden. Die Kunst der Reduktion und Vereinfachung und des verschmierten Akkords beherrscht Fändrich ohne ein Wenn; und man ist gern bereit, ihn hierfür ordentlich anzuhimmeln. Der Vortrag könnte bei der Zuhörerschaft  Schwermut – z.B. ob der Enge dieser und damit aller Welt  – hervorrufen beziehungsweise eine (manchmal sogar angenehme) Kargheit vorführen, die den Pfaffenwinkel, so nennt man die hiesige Gegend,  in fünfeinhalb Minuten zusammenfaßt und gut wäre es damit. Doch nein,  Wetsox sind auf mehr aus. Es spielt nämlich ein neumodischer Aspekt mit ein, ein Zugeständnis an die Clubkultur womöglich. Fändrich wird seit Jahren gewöhnlich von einer Orgel sowie einem Schlagzeug unterstützt, die zwei immer noch junge Männer bedienen, der Mario Fix und der Alex Bartl.  (Bisweilen, wie an jenem eben geschilderen Sonntag, kommt noch ein Baritonsaxophonist, der Michael Lutzeier, hinzu, was das Gesamtgeschehen gelegentlich in freiere Regionen schiebt.) Das ergibt dann einen ziemlich hippen Groove, der Positivität frei und alles Leid schachmatt setzt. Das kann man bedauern, dann hat man erst recht den Blues.  Oder mitwippen. Beides hat seine Vorteile.

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