Der Norden. Vom Süden aus gesehen. Teil II.

Wo schmeckt Buttermilch am besten? Bestimmt gut auf dem Gipfel des Rabenkopfs, gleich unterhalb des Gipfelkreuzes, aber doch nie so wie auf dem Deich. Auf dessen Verlängerung in Neuhaus/Oste; auf der in die Deichsverlängerung praktischerweise eingelassenen Treppe, die über ein streng, wir befinden uns unter Protestanten, sowie mit Hilfe von purer Schlichtheit anmutig gestaltetes Eisengeländer verfügt, das einem sicher hilft, sollte man durch zu üppigem Buttermilchkonsum in Gleichgewichtsstörungen geraten. Oder unter Verschleimung innerer Organe, inklusive Milz und seitlicher Propfkopf, plötzlich herzallerliebst zu leiden anfangen. Ein solches Geländer, genau: schlicht & anmutig, könnte auch Wiebkes Klönstov schräg gegenüber, von wo die besagte Buttermilch mäßiger Qualität stammt, in nicht geringer Zahl gebrauchen, wo zur Mittagszeit bereits die Flensverschlüsse gediegen fröhlich, wir stecken immer noch unter Protestanten fest, ploppen. So ein Geländer stützt ja bei Schwankungen aller Art gleich einem  gut gebauten Freund. Schlängelt man sich von der Treppe aber am dicht, vollbartähnlich efeubewachsenen, äußerst imposanten Contor aus Backstein vorbei, wo ehemals der hiesige Arzt mit Famile wohnte, heute aber offenbar kaum einer, schlängelt sich also drum rum, wobei es selbstverständlich lediglich gediegenes Schlängeln ist, und biegt so circa zwanzig Schritte nach Wiebke links ab, schlängelt sich fortan durch ein Gässchen, das man in einem von Geistern ruhmreicher Vergangenheit geplagten  1000 Seelen-Dorf nicht vermutet, das aber, das Staunen über das Überraschungskonvolut des Nordens hört niemals auf, eine Unzahl an Gässchen und gässchenähnlichen Gebilden vorweisen kann, gelangt man schlußendlich an die Dorfkirche. Die Emmauskirche. Barock in Backstein. Vermutlich aus den Restbeständen, nichts darf verkommen, der Geländer von vorhin geschmiedetes Datum dick auf der Front unterm imposanten Giebel.  1690. Zweifellos ein Vorzeichen  auf die kommenden Datenautobahnen, die Deutschland derlei überziehen werden, dass keine atmenswerte Luft übrig bleibt; dass virtuelle Landwirtschaft oder der Bau eines Einfamilienhäuschens im Netz mangels imaginatives Gelände unmöglich sein wird. Muss aber so sein, wegen der Zeit in der wir uns gerade befinden. Der Sapiens muss den Daten weichen; weil, weil – weil er dem Onleinangebot von den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus – noch bevor die glorreichen 12, nicht zu verwechseln mit dem Dreckigen Dutzend (Dirty Dozen), einem Film von Robert Aldrich mit dem stets prägnanten Lee Marvin und dem jungen John Cassavetes in den Hauptrollen (1967; FSK 16), noch bevor jene also dem auferstandenen Jesus begegnet sind, extrem fest versprochen wurde. Gleich einer Braut. Unter die Haube mit dir, du Sapiens, sagten die 12 – aber flott & online. Gottesdienst in der Kirche von Neuhaus/Oste? Alle 14 Tage nur. Die Kirche selbst – zu. Wahrscheinlich, weil man ein Geländerstück, zur Erinnerung: anmutig & aus Knete, entwenden könnte. Den Schlüssel, wie vermutlich bereits erwähnt: wir sind unter Protestanten, holt man bei Ulex ab; wenn man denn als Mindergläubiger einen Blick ins Kircheninnere hineinwerfen mag. G.F. Ulex Nachfolger nennt sich die ortsansässige Brennerei. Spirituosen in allen erdenklichen und unerdenkbaren Varianten. Fleiß ist Trumpf. Kentucky Sweet-Oil. Quittenlikör. Absinth. Bitter. Gin. Küsten-Korn. Lotsenkümmel. Matjes-Tropfen. Möwenschiete. Und der Schlüssel ins Barock oben drauf. Ins protestantische Barock, das nichts, so gar nichts mit dem bayerischen Barock zu tun hat. Eine scheinbar gute Orgel ist da. Paar Bilder. Hochgeschossener Altar. Rosige Sitzpolster. Ulex betreibt auch ein Lokal nebenan, wo Bier gebraut wird. Alt Neuhaus mit Namen. Es ist fast der beste Pub der Welt; wäre da nicht O’Sulivans Bar in Crookhaven.  Ein Pint Guinness vom Fass und dazu ein Baguette mit Ei und Remoulade – wofür sonst leben? Die Räumlichkeiten: derlei behaglich, dass man nach und nach fast in Liegeposition abgleitet; im Winter wohl noch mehr als im Sommer; die Tapete: vorweigend mit nicht unschön vergilbten Blumen übersät ; der Lärmpegel: den Behaglichkeitspegel nur noch anregend. Alt Neuhaus: im Ganzen: geht abends ungefähr so runter wie Buttermilch vormittags.

Fortsetzung folgt. Vielleicht. Wenn denn Möwenschiete kurz vor knapp nicht ausgeht…

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