Der Norden. Vom Süden aus gesehen. Teil I.

Wo schmeckt Buttermilch am besten? Natürlich auf dem Deich. Vorzugsweise auf dem Deich von Neuhaus/Oste beziehungsweise in der Deichsverlängerung dort, die ins Herz des nicht mal 1000 Seelen-Dorfes führt, wo die Backstein- bzw. Klinkerhäuserzeile einem im Rücken fest sitzt wie harte Kante, auf der Treppe direkt davor strenggenommen, gegenüber von Wiebkes Klönstuv, wo man genauso eben jene Buttemilch wie auch eine Prizenrolle oder Matjes auf Schwarzbrot, das traditionelle Diätgericht der oberen wie unteren Zehntausend des sog. Hohen Nordens, ohne Umstand beziehen kann, und wo der Cappuccino leider nach etlichen dem Kaffee gänzlich unverwandten Dingen schmeckt – zum Beispiel nach mit voller Absicht plus Zauberhand aufgeschäumter Buttermilch.  Sonst – abgesehen von der Unverbindlichkeit des von ihr mit Hilfe des Vollautomaten fabrizierten Cappuccino mit einem handelesüblichen Kaffee – ist Wiebke die Verbindlichkeit in Person. Ein bisschen straight, aber das gehört zum Norden dazu wie das Matjesfilet in Frau Antjes Schlund. Frau Antje mag zwar aus Holland kommen, aber: vom Süden aus ist Holland nicht weniger nordisch als Neuhaus/Oste. Straight. Weil Wiebke nämlich den Schuljungen, der sich vor den ruhmreichen Blogger, diesem hier, in der Schlange nach Brötchen um ca. 7.72 Uhr unauffällig vorbei schiebt, mit den schlichten Worten zurechtweist: Mußt du dich denn vorzudrängen. Merke: Der Norddeutsche, gar nicht der Steve Reich oder ein La Monte Young, ist der Erfinder des Minimalismus per se. Selten wird droben mehr erzählt als unbedingt sein muss, der Mund lediglich so weit aufgemacht, dass das Gebiß vollkommen unsichtbar bleibt. Der Junge in der Klönstov, geschätzte 13, schwitzt folglich nicht unwesentlich an der Stirn, auch, weil er Anfang August in Niedersachen wieder in die Schule muss, murmelt etwas, das nach komplettem Wortsalat – freilich: angereichert mit Matjes – riecht und verzieht sich durch die offene Tür – auch im Norden ist Sommer, d.h. 13 Grad plus.  Da fällt mir ein: Kann Google Translate Könstöv ins Deutsche oder in irgendwelche Sprache dieser buttermilchdurchtränkten Welt übersetzten? Vermute: nicht. Deutschlands Norden hat viele Vorteile; vielleicht sogar zwei. Einer davon ist der FC St. Pauli, der Tabellenführer der Zweiten Bundesliga. Noch ist die Mannschaft nicht sonderlich auffällig, noch weiß man nicht unbedingt, wohin es mit ihr geht; aber sie kombiniert die ersten fünzehn Minuten immerhin flüssig. Beim Saisonauftakt jedenfalls, daheim gegen 98, als die Stimmung hoch ausgelassen war; wie ich sie sonst von nirgendwo kenne, mir sie aber allenfalls bei Swansea oder Celtic vorstellen kann. Ein Konfettiregen ging diesmal zu Beginn dermassen flott nieder,  dass man den Bierbecher nicht ausreichend schützen konnte und sich fortan nach jedem Schluck  Papierfäden aus der Mundhöhle herausfischen mußte. Doch der 2:0-Sieg und die durchgängig unagressive Stimmung auf den Rängen machten jede Widrigkeit, besonders aber eine so popelige wie im Bier ertrunkene Papierfäden, vergessen. Bei den Spielen des FCSP am Millerntor liegt der Frauenanteil im Publikum bei durchschnittlich 35 Prozent, mehr als sonstwo hierzulande. Das hat mit der Paul erzählt. Er wird es wissen. Er, die Bank in Sachverhalten um Sankt Pauli allgemein. Eine Fotografie von Paul – in Schwarzweiß, beim Jubel übers 4:2 gegen 1860 im Jahr 2011 – hängt im Eingangsbereich an der nordöstlichen, blendend weißen Wand des Stadions, dort, wo er als Dauerkartenbesitzer seit circa Jahrhunderten gewöhnlich die Treppe hinabsteigt, um sich knapp an der Eckfahne hinter dem Zaun den Stimmungswallungen, die während der 90 Minuten nie abebben, volle Kraft voraus hinzugeben. Pauls Berühmtheitsgrad, ich kenne ihn seit bald 30 Jahren, wurde mir vollends klar, als wir, Paul und ich, in der Halbzeitpause um Biere anstanden und ein jüngerer Kerl hinter uns Paul nach einem Selfie mit ihm fragte, weil er ihn gerade auf dem Wandfoto erkannt hatte.  Es ist nicht das Kennzeichen des Nordes, Verbrüderungsgesten überall hin zu streuen, beim FC aber geht es schon. Dort ist man EINS. In der Zuneigung zum Underdog – der überaus profesionell arbeitet, der in Marketingdingen den Großteil der Erstligavereine auf die Plätze verweist – auf ewig und drei, vier Tage mehr vereint. Ein zweiter Vorteil des Nordens sind die Wolkengebilde. Man hat ja freie Sicht nach allen Seiten. Vom Deich aus allemal. Die Wolken sind lauter Getriebene. Das macht sie kurzzeitig menschenähnlich. Der Wind treibt sie da- und dorthin und läßt sie gegeneinander willkürlich kollidieren, was zu permanenten Überraschungseffekten, oft ohne tiefergehende Erkenntnis, führt. Das ist tröstlich. Denn so wie Norddeutschland stets knochentrocken geradaus denkt und dieses Denken als das Nonplusultra oder aber die letzte Wahrheit ausgibt, so dass ein Widerwort ohne Genickbruch unmöglich scheint, hängt doch Tag für Tag die Überraschung in Form von Wolkenwildwuchs über der norddeutschen Landschaft. Wie eine Erinnerung daran, dass nicht alles diesseits des Universums passend eingetütet werden kann. Dass das Leben von Unberechenbarkeiten mal nach vorne, mal nach hinten getrieben wird. Dass Klarheit nicht das ist, was wird fortwährend brauchen, nicht das, was uns ausmacht, vielmehr das Gegenteil davon, das da heißt: Chaos. Ein Chaos, das ja SÜD minus NORD ergibt.

Der Norden II folgt auf dem Fuße. – Volley sogar.

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