Der Gott vom Dancefloor

Die Erschaffung der Welt ist immer noch ein Enigma (griechisch: αἴνιγμα). Und damit zugleich unser – des Menschen – Werden. Woher kommen wir? Vom Orang? Oder doch vom Utan? Sind wir vom anderen Stern gefallen? Oder aus magerer Tonerde gefertigt? Ein Enigma. – Nicht für alle aber. Den Gläubigen, der sich an eine bestimmte, an diese und keine andere Erlöserfigur klammert, wird entsetzt haben, was die Mitglieder der britischen Popband Faithless 2007 in einem ziemlich populären Song behauptet haben; nämlich: GOD IS A DJ. Im Songtext heißt es: This is my church/This is where I heal my hurts /It’s in natural grace/Or watching young life shape. Der Dancefloor als Kirche, der Discjockey als Heilsbringer, das ist mal eine verhältnismäßig gewagte Behauptung. Doch bei näherem Hinsehen: Bei näherem Hinsehen ist diese Art der sloganartig hingepfefferten, gut memorierbaren Behauptung Grundlage jeder vernüftigen (sic!) Religion; oder nicht? Wie auch immer. Für den Augenblick: herzlich egal. Wer sich jedenfalls an die eigenen Teenagertage erinnert, sofern er mit Rock oder auch nur mit Roll aufgewachen ist, bzw. Teenager heute beobachtet, weiß, welche Rolle Musik bei der Menschwerdung spielen kann. Eine entscheidende.  Musik aktiviert das verschüttete Impulsleben. Nicht nur den Orang, auch den Utan. Macht elastisch. Öffnet und weitet. Beim Tanz, sofern man sich selbst für paar Minuten abzuschütteln imstande ist, gerät man woandershin, in anderen Gefilde, fernab des irdischen Geschehens; wo Gott wohnt? Die Anbetung des Musikerzeugnisses und/oder des Musikerzeugers scheint deshalb fast schlüssig.  Der DJ ist trotz allem nicht zwangsläufig Gott, nicht mal zwangsläufig ein Musiker. Er legt Musik nur auf, bestenfalls mixt er sie so, dass man tanzen mag und ins Jenseits abgleitet.  So, das als Prolog. – Am kommenden Samstag soll ich Gott gleichen. Eine Freundin hat gefragt, ob ich bei einer Party auflegen kann. Tue ich selbstverständlich gern. Für gut 50 Leute an einem exzellenten Ort, der der Anti-Bourgeoisie am See ein alternatives Schlupfloch bietet.  Es wird vorwiegend Vinyl sein, das ich da aufzulegen gedenke. Hoffentlich, die Sehkraft läßt mit dem Alter nach, treffe ich mit der Nadel die Anfangsrille der einzelnen Stücke … Hoffentlich tanzt man zu der ausgewählten Musik überhaupt.  Ein bisschen möchte ich auch auf die Persönlichkeitsstruktur der Gastgeberin eingehen. Sie ist vom Landleben geprägt. Politisch. Feministin.  Offen. „Türkisch Mann“ von Yusuf mit seinem konfrontierenden Text aus dem wunderbaren Sampler „Songs of Gastarbeiter“ von TRIKONT, darf ich das spielen? Lieber wohl das „Populistische Paradies“ von Bernadette La Hengst, wenn schon Deutsch. Oder „Jet Set“ von Blumfeld. Die Hits verkneife ich mir ja.  Stevie Wonder vielleicht noch, aber nicht „Sir Duke“. Chic kommt wahrscheinlich auch vor. Was von Prince, doch keiner der Gassenhauer. Die Dame – mit 50 darf man sie Dame nennen; 50, welch ein brillantes Alter, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht – kommt aus Tirol. Wenigstens Österreich dann. Attwenger geht bestimmt. „Dog“ vermutlich. Ich muss auf die Dame (50!) eigehen, auch wenn ihr eigener Musikgeschmack mäandert. Muss. Sonst wird es nicht persönlich, sondern Radio nur.  Das heißt: Taraf de Haidouks, wenn es Folklore sein soll. Eventuell Rabih Abou-Khalil. Darf man der Gesellschaft aber eine Laurie Anderson zumuten? Eines ihrer Stücke wäre sogar passabel tanzbar … Zu viele Gedanken? Zu viel Aufwand? Soll ich das Auflegen lieber lassen? Nein. Als DJ  bin ich endlich mal wer. Ein Halbgott, wenn es hoch kommt. Jedenfalls: Das mächtige Empfinden, menschliche Figuren nach meinem Belieben zappeln zu lassen, brauche ich jetzt.  – Ein Scherz? Bin mir nicht ganz sicher.

8 Antworten auf „Der Gott vom Dancefloor“

  1. einer wirklich guter um nicht zu sagen, ein DJ der die definition
    seiner selbst erweitert, sollte in keinem fall konzessionen an
    das alter noch der tanzbarkeit sich erlauben, er hat die einmalige
    gelegenheit, eine große anzahl menschen im positiven akustisch
    zu zerrütten. und wenn nur 2 davon später nachfragen, was
    für eine herrliche qual das war, ist die arbeit eine gute gewesen.
    die akustische erziehung der kleinen schritte bringt nichts außer
    hochgezogener augenbraue.
    anspieltipps:
    – eine der unzähligen ocora-aufnahmen aus westafrika der
    60er
    – pharoah sanders upper and lower egypt (tauhid)
    – dewey redman tarik – das stück mit der arabischen oboe
    – mood, letztes stück auf miles ´ ESP
    – für liebende auf´ m parkett, lazy afternoon von shirley horn
    (steeplechase)
    und zuletzt als partyrausschmeisser jedes
    stück aus AA ´s spiritual unity.

    chic als trost is natürlich ok

    1. Hi & Hey.
      Bin ganz Deiner Ansicht, was Herausforderung auf der Tanzfläche angeht. Muß unbedingt sein. Aber dosiert; sonst tanzt keiner; sagt die Erfahrung.
      Tarik könnte tatsächlich gehen. Wilder Tanz, auf den es mir hauptsächlich ankommt, funktioniert mit Sanders und Davis aber kaum. Schöne Stücke, gewiß, allerdings mehr für eine freundliche Umarung im Allgäu oder bloß fürs Zuhören.
      Was gut geht und am Samstag vorkommen wird: Kirk mit Which Way Is It Going & One Nation, Ellington mit Blue Pepper und Gerald Wilson mit El Presidente oder (bedingter) Viva Tirado.
      Gruß
      A.

      1. Lieber A. –

        die anspielung mit dem wort, das mit a anfängt und u aufhört,
        ist merkwürdig.
        deine ausdrückliche betonung, es gäbe am starnberger see
        so etwas wie anti-burschwasie, wirkt mit verlaub irgendwie
        forciert und manieristisch.
        aber was soll man sagen, wenn man nahe der reichsten
        gemeinde deutschlands lebt ? das es besonders verkokst
        ist.

  2. Hallo Adam,
    empfehle Spotify und irgendeine laute Bluetooth-Box statt Vinyl. Da kann man alle Wünsche der Gäste im Nu erfüllen. Auch Ausländisches und Esoterisches möglich. Laurie Anderson habe ich ebenfalls gefunden.
    Stimmung garantiert „göttlich“, Du alter Blasphämierer Du :-)!
    LG,
    Peter

    1. Lieber Peter,
      Spotify ist doof.
      Verlangt von Dir keine Mühe, die ich mir aber diesmal gern machen möchte.
      Auch wird der Party-Raum mit Bluetooth schwer zu beschallen sein. Vor mir wird es jemand tatsächlich aber mit einer Auswahl aus dem Netz versuchen; mal gucken, wie er mit seiner Digitalware ankommt…
      Während ich von Musik ein bißchen was weiß, bin ich in Blasphämie ein Laie.
      Gebe mir aber trotz vorbildlicher religiöser Erziehung schwer Mühe, das stimmt schon.
      Gruß A.

  3. Lieber Gott,
    ich bete dich an. Ich danke dir, dass du in diesen schweren Stunden bei mir bist. Ich lege mein Schicksal in deine Hände. Du bist der Geist, der uns belebt. Ich vertraue auf dich – ganz besonders morgen Abend – und bis in alle Ewigkeit
    Amen

    Dame aus Tirol

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