Das Käppi im Staub

Alles bleibt wie es war. Die Merkel. Der Jogi. Die Sommersonne über uns. Die Kirche im Dorf. Sogar der alte Grant über die Unfähigkeit des Menschen sich zu ändern hängt unverändert in einem fest. Ist „bleibt gleich“ überhaupt eine Qualität? Oder bloß ein weiterer Alptraum? Oder doch eine Beruhingungsmaßnahme, die Gleichmut für alle Zeiten evoziert?  Ist um uns  nun Verläßlichkeit oder eher Stagnation? Keiner weiß es zur Zeit so recht. KEINER WEISS WAS. – Ohne die Einschränkung „zur Zeit“. Dies wäre überhaupt eine Zeile, die sich jeder Sterbliche über die Kommode pinnen sollte. Wir wissen so wenig doch. Aber wir wissen zur Zeit, wie man ein Nashorn mit Erfolg kunstbefruchtet. Das Nördliche Breitmaulnashorn strengenommen nur. Damit die Tierwelt so bleibt wie sie schon mal war. Darüber hat gestern morgen ein Wissenschaftler aus Berlin im Radio berichtet. Bei den Forschern des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung hat man nämlich Hehres vor. Jene besagte Nashornart soll vor dem Aussterben gerettet werden, deshalb wird fleißig mit Stammzellen und Embryonen hantiert. Den Eizellen injizierte man also das im Labor eingelagerte Sperma. Weil doch in den Genbanken von San Diego und Berlin das Erbgut der Breitmaulnashörner aufbewahrt wird. Sie lagern im flüssigen Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius. In San Diego; genau; genau dort, wo die wunderbar energiegeladene Bonnie Wright wohnt, unter Fresh Sounds wilde Konzerte in ihrem großzügigenen Haus in Mission Valley, unweit der Uni, aber – leider, leider – auch des Flughafens (20 Jahre ist es her seitdem der Hongkonger Flughafen Kai Tak , der wegen des schwierigen Anflugs sowie der Winde geschlossen wurde; kam ebenfalls im Radio gerade) veranstaltet und zudem das Label Henceforth betreibt, auf dem sie musikalische Grenzenlosigkeit mit der Energiegeladenheit einer 22-Jährigen, dabei ist sie neunfache Großmutter schon, überzeugend fördert, derzeit: 84 Grad Fahrenheit, das sind 28,8889 Grad EU-konforme Celsius; in Berlin hingegen: 28 Grad Celsius, also 82,4 Fahrenheit, was, wenn wir nicht kleinlich sein wollen, was wir ja niemals wollen könnten, Gleichstand bedeutet (Wonach aber keine Verlängerung und auch kein Elfmeterschießen folgt, was uns auch mal gut tut.)  Doch nun der Anschluß an die Textsubstanz; sonst geht es viel zu ungeordnet zu und wir werden nicht vor Sonntag fertig. Auf alle Fälle: Wie der Berliner Wissenschaftler im Volksempfänger die Vorgänge ums Befruchten schilderte, das strotzte doch sehr vor Empathieferne. (Empathieferne zur Zeit– siehe: Migration.) Er redete vom Stammzellentechnik und Embryo-Transfer und es klang alles dermassen sachlich, als wäre er der Hauptfeldwebel XYZ Unbekannt und zerlege gerade im dutzendfach durchgeführen Modus ein G3. – Ein antiquertes, wahrscheinlich inzwischen zum Großteil halbverrostetes Schnellfeuergewehr von Heckler & Koch aus Oberndorf a. N., einem der führenden, moralunaffinen Waffenlieferanten weltweit; das ein mit einer kleinen Unterstellung behafteter Hinweis nicht ausschließlich für aussterbende Unwissende aller Art. Wir machen eine sog. Kehrtwende und wollen diesmal entschieden kleinlich sein. Und ein bißchen auf Moral pochen. Denn Moral ist gerade nicht gut im Geschäft. Mehr eine Auslaufware.  Gestern erst hörte ich Pet Shop Boys‘ Hit „Opportunities“. 1986, als das Lied rauskam, hätte ich am liebsten den Schirm vom Käppi des Chris Lowe erst geknickt und dann das Gesamtkäppi in den Staub getreten. Doch nach gut 30 Jahren stehen die Dinge anders. Ich bin ein paar Zentimeter gewachsen und die Erde hat unfreiwillig ein paar Fahrenheit zugelegt und mir gefällt das Lied nicht schlecht. Auch, vielleicht: vor allem, weil  hier der prägnante Refrain aus den hedonistischen Achtziger- wahlweise, in weiser Pet Shop Boys-Vorraussicht, Neunzigerjahren drin steht: „I’ve got the brains/You’ve got the looks/Let’s make lots of money“. Diese weit verbreitete Vorgehensweise sollte man nicht mit Moral verwechseln oder ob ihrer Prägnanz milde weglächeln und weiter im Alltagstrott tun, sondern eher ruhlose Strategie nennen und folglich verdammen bis in Ewigkeit. Oder aber gleich ohne groß nachzudenken und mit oder ohne Käppi in den Staub mit dem Absatz des Cowboystiefels treten. Denn, das hatten wir zwar schon mal, aber eine Wiederholung lohnt hierbei immer: Gewisse Dinge gehören sich nicht. Lots of money um jeden Preis zum Beispiel. Da hilft alles pro und kontra rein gar nichts. Moral liegt meilenweit vom Kapitalismus entfernt. Am anderen Ufer. Auf einem anderen Stern. Gehört meinetwegen einem gänzlich anderen Gott an. Wenn auch einem mit langem Bart natürlich. Bei ein wenig Glück kommt mit dem Alter auch ein Erkenntnisbroken an: Die Pet Shop Boys waren offenbar weise. Weiser jedenfalls nicht nur als ich, vielmehr als a lots of Jungvolk damals. Sie sahen doof aus und waren uns doch, die Arme bitte maximal ausbreiten, so überlegen.

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