Old School in kurzer Hose

Terminologie ist oft nur eine Frage der Sichtweise. Wer noch vor wenigen Tagen mir gegenüber „alte Schule“ erwähnt hätte, der musste, zumindest in meinen Ohren, die Schule im Ort meinen, in der wohl bis in die Sechzigerjahre hinein klassenübergreifend unter „Volksschule“ unterrichtet wurde, wo sich  der  Veterenenverein und die Blaskapelle treffen, wo man Senioren betreut, in der ein Psychotherapeut einen Raum gemietet hat sowie die Musikschule, wo schließlich Rumpelgut in Rumpelkammern deponiert wird. Ein hübsch anzuschauendes einstöckiges Haus, mit warmfarbiger Fassade, eine Quitte davor. Jetzt wird diese ehemalige Schule renoviert, um demnächst dem Kindergarten, dem die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichen, mehr Platz zu bieten. Es waren ursprünglich Kinder drin, es kommen wieder welche rein, insofern alles schön und gut wahrscheinlich. Doch das war sie schon, die ALTE SCHULE für mich bislang. Nein, nicht so ganz. Alte Schule können nämlich Sätze sein wie: Ich möchte nur dein Bestes. Von der Mutter. Oder vom Vater: So und nicht anders. Oder, auf die Frage „Warum?“ von allerhand Seiten: Weil ich es so will.  Sätze, wo einem alles aus der Hand fällt.  Selbst wenn man nichts in der Hand hat. Und falls man sich nicht eine dicke Haut zugelegt hat, die antialteschulbeschichtet ist. Manche alte Schulen haben womöglich noch nie argumentiert. Sie folgen offenbar dem seit  Bildungsbeginn bekannten Banner: Wir trichtern in der Schule fürs Leben ein. Am allerliebsten in kurzen, einprägsamen Sätzen, denen zu widersprechen zwecklos ist. Ich stehe vorne, am Pult oder in der Rangordnung, und habe ein paar graue Haare und weiß deshalb, wie es geht. So ungefähr. Alte Schule und alter Hase, der mehr oder minder schmierige Wiener bzw. Pole, der einer Frischgeföhnten  beim Pausenhäppchen in der Philharmonie  die Tatze küsst, gehört selbstredend dazu, sind hierbei ein Tandem von ähnlicher Statur. Im Rap, dem Reden um des rhythmischen Redens willen, heißt „alte Schule“ dann „Old School“ und bezieht sich auf Leute wie Grandmaster Flash, Kurtis Blow, Public Enemy und auch LL Cool J, dessen „Going Back To Cali“  (1987) immer noch ein überaus feiner Feger ist, Fortschrittler, die jenem Musikstil gefestigte Grundlagen  lieferten, so dass Rap sich bis heute allüberall ausbreiten konnte; um die Polyglottistin endgültig rauszukehren: All of them old rabbits indeed.  Im Rap bzw. im Hip Hop-Gespinst hat ALTE SCHULE einen Klang voll Verehrung. Ist halt ein zwiespältiger Terminus. Am Beispiel wird das deutlicher noch. Also. Kürzlich fuhr ich vormittags im Benz eine Landstraße entlang. Fuhr ohne Gedanken. Plötzlich, was ist das?, Tatsache: Scheine auf der Fahrbahn. Mindestens einen 50 Euro-Schein sah ich bei 60 kmh ganz deutlich. Ich wendete direkt, von Neugier sowie Gier bar Neu gepackt. Da sah ich allerdings schon mitten auf der Straße einen Mann die Scheine aufklauben. Der Mann – Käppi, braune Beine in kurzer Hose, in seinen frühen Vierzigern vielleicht – hielt ein stinkübliches, aufklappbares, ledernes Herrenportemonnaie in den Händen, in das er reihenweise 10er- und 50er- und 100er-Scheine stopfte. Ich reichte ihm einen Zehner, der gerade vor meinen Füßen lag. Ihr Geld?, fragte ich aus unverständlicher Verlegenheit heraus etwas überflüssig. Nein, sagte er und überraschte mich damit nicht schlecht, Ich sammele für jemanden. Gut. Ich half ihm beim Scheinestopfen. Autos hielten und fuhren langsam wieder an, wir aber arbeiteten uns fleißig an den Rand ran.  Zuletzt hockte sich der Mann am Grünstreifen hin und wühlte in den zahlreichen Karten, die das Portemonnaie enthielt. Ausgerechnet der, sagte er nach einer Weile, versunken und kaum hörbar. Ein Hund?, fragte ich, wobei ich mit „Hund“ einen vermaledeiten Saftsack meinte. Kennen Sie den?, er zeigte mir flüchtig eine goldene Geldkarte mit einem Namen, der mir nichts sagte, Der ist Bauunternehmer hier, er deutete auf den Ort vor uns, macht einen Haufen Geld mit seinen krummen Touren. Ich überlegte nicht lange, packte mir das Portemonnaie, entfernte daraus das Geld und warf den Rest ins hohe Gras, nahm den sprachlosen Mann mit brauen Beinen bei der Hand und schleppte ihn ab in die Wirtschaft gleich nebenan, wo wir uns einen wirklich bemerkenswerten Tag leisteten, mit Schweinebraten um 11 Uhr und um 15.30 noch einmal, mit Mass um Mass bis uns speiübel wurde, mit Runden für alle, sogar für den Postboten und jenseitigen Trinkgeldern, die die Kellnerinnen zu äußerst ungewöhnlichen Dingen animierten … So hätte es kommen können. Stattdessen, zu feige für Wirtshausflucht, sagte ich dem Mann bloß: Keine Gnade für Bauunternehmer. Nehmen Sie das Geld nur.  Ich erzähle nix. Er guckte mich an. Den Bruchteil einer Sekunde später sagte er: Das macht man nicht. Aus der Hand fiel mir nichts außer dem Glauben an die Berechenbarkeit des Menschen. Alte Schule. Oder Old School, wenn man kurzfristig ein verehrungswürdiger Rapper sein möchte. Ein unscheinbarer, scheinbar von Traditionen untouchierter, noch relativ junger Mann, der Das macht man nicht sagt. Am Vormittag zwischen zwei öden Orten. Manche Dinge macht man nicht und Punkt. So hat der namenlose Mann, nur sehr entfernt ähnlich dem Pale Rider (1985; Regie: Clint Eastwood, Hauptrolle: Clint Eastwood, Produzent: Clint Eastwood), eine gute Tat an einem üblen Saftsack, jawohl, begangen. Muss er wissen. Ab heute trägt alte Schule für mich jedenfalls allweil kurze Hosen.

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